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K WIE KAIN UND ABEL
K WIE KAMPF
K WIE KRIEG
K WIE KREUZ

K wie Kain und Abel

Kain und Abel sind das erste Brüderpaar in der Bibel. Kain war der erste und Abel war der zweite Sohn von Adam und Eva. Merkwürdigerweise heisst heute kein Mensch mehr Kain, auch Abel ist selten, aber Adam oder Eva sind immer noch gebräuchliche Vornamen. Warum wohl? Wenn du die Geschichte von Kain und Abel kennst, wirst du es verstehen. Es ist nämlich eine schlimme Geschichte.

Als Kain auf die Welt kam, war Eva sehr stolz und sagte: «Da habe ich einen Mann gemacht, mit Gottes Hilfe.» Darum nannte sie ihren Sohn Kain. Wer ihre Sprache sprach, konnte ihren ganzen Stolz aus diesem Namen heraushören. Abel war ihr zweites Kind. Er war wahrscheinlich kleiner und zarter als der Erstgeborene. Deshalb nannte sie ihn Abel. Der Name Abel bedeutet: ein Hauch, ein Dunst, ein Windlein. Vielleicht ist er im Frühling geboren, als die ersten warmen Lüftchen über die Hügel strichen und noch ein feiner Nebelschleier über den Tälern lag.

Die beiden Buben waren sehr verschieden. Der Ältere ging schon früh mit dem Vater aufs Feld und lernte den Acker bestellen. Er war kräftig und tüchtig. Der Jüngere liebte es, die Schafe zu hüten, im Gras zu liegen und sich an den kleinen Lämmlein zu freuen. Kain wurde Ackerbauer, Abel wurde Hirt.

Immer im Frühjahr, wenn die Schafe und Ziegen ihre Zicklein warfen, gingen die beiden Brüder miteinander aufs Feld hinaus, um Gott zu danken für die Früchte ihrer Arbeit und um ihn um seinen Segen zu bitten für das kommende Jahr. Jeder schichtete Steine zu einem Altar auf und machte darauf ein rechtes Feuer. In der Glut verbrannte Kain dann ein Bündel von den ersten reifen Ähren, vielleicht röstete er auch ein paar Brote. Und Abel schlachtete ein junges Geissböcklein oder ein Lämmchen, eines von denen, die eben erst auf die Welt gekommen waren, und sprengte dessen Blut um den Altar herum. Das Fleisch wurde gebraten und gemeinsam verzehrt. So machte man das damals bei einem Opferfest: Zum Dank, dass Gott die Sonne scheinen und es regnen lassen hatte zur rechten Zeit und die Herden verschont hatte vor Unglück und Krankheit und dass man sich nicht umsonst gemüht hatte um sein tägliches Brot.

Einmal geschah es, dass Kain eine schlechte Ernte hatte. Der Frühjahrsregen war ausgeblieben. Trotzdem bereiteten die Brüder wie immer draussen das Opferfest vor. Aber anstatt sich auf das gemeinsame Mahl zu freuen, blickte Kain ganz finster. Ihm schien, Abels Opfer röche viel besser als seines. Vermutlich stieg der Geruch von gebratenem Fleisch auch Gott viel angenehmer in die Nase als der Duft von gerösteten Körnern. Da fragte Gott Kain: «Warum schaust du so finster? Hast du etwas zu verbergen? Warum kannst du niemandem mehr in die Augen sehen?» Manchmal haben wir den Eindruck, Gott würde heute nicht mehr so direkt mit uns Menschen sprechen wie damals, nicht wahr? Aber ist es nicht so, dass jeder von uns, wenn er etwas Unrechtes im Schilde führt, Gottes warnende Stimme sehr wohl vernehmen kann? Kain jedoch wollte nicht hören. Und auch nicht antworten. Was er zu sagen hatte, das sagte er lieber seinem Bruder, klipp und klar. Er ging mit ihm aufs Feld hinaus und dort schlug er ihn tot. Wieder hörte er Gottes Stimme: «Kain, wo ist dein Bruder Abel?» Kain antwortete: «Woher soll ich das wissen? Muss ich jetzt auch noch auf den aufpassen? Bin ich denn der Hüter meines Bruders?» Aber diesmal liess Gottes Stimme nicht locker: «Was hast du getan?», fragte er. «Sieh, das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde! Darum: Verflucht sollst du sein und vertrieben vom Ackerboden, der dir fortan keinen Ertrag mehr geben wird. Du wirst fliehen müssen und nirgendwo mehr eine Heimat finden.»

Selbstverständlich konnte Kain am Abend nicht mehr nach Hause zurückkehren. Wie hätte er seiner Mutter unter die Augen treten können und seinem Vater erklären sollen, was geschehen war? Also ging er fort, weit fort, denn er fürchtete, dass man ihn als Mörder erkennen und vielleicht sogar mit dem Tod bestrafen würde. Jetzt hatte er Angst vor allen Menschen und dachte: «Das sind bestimmt keine Freunde! Die bringen dich vielleicht einfach um. So wie du den eigenen Bruder umgebracht hast. Einfach erschlagen.» Er sprach mit niemandem mehr und verbarg sich vor allen Leuten. Aber Gott hörte nicht auf, zu ihm zu reden. Er sagte: «Trotz allem, was du getan hast – dir soll niemand ungestraft etwas antun dürfen. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zu töten, auch dich nicht.» Gott machte Kain ein Zeichen auf die Stirn. Ein Zeichen, das bedeutete: «Dieser Mensch gehört mir! Sein Leben ist mir heilig. Niemand darf es auslöschen.»

Wir wissen nicht, wie dieses Kainszeichen ausgesehen hat. Vielleicht war es nur ein kleines Kreuz, wie es jedes Kind bei seiner Taufe auf die Stirn gezeichnet bekommt, als Zeichen für Gottes Versprechen: «Du bist mein Kind! Niemand darf dein Leben antasten. Ich beschütze dich. Nicht weil du immer oder nur wenn du besonders lieb bist, sondern weil ich dich lieb habe. Immer und dich ganz besonders.» Gott ist nämlich nicht wie wir Menschen, Gott sei Dank, sonst wäre Kain verloren gewesen, und nicht nur er.

Kain konnte aber nicht mehr Bauer bleiben. Er hatte seine Äcker zurücklassen müssen, als er sein Land verliess. Er ging auf Arbeitssuche in die Stadt. Nein, er ging nicht in die Stadt, er gründete eine Stadt. Er war der allererste Städtebauer. Er fand auch eine Frau und hatte viele Kinder. Aus ihm ist ein grosses Volk geworden. Menschen, die in Städten leben: Schuhmacher und Schneiderinnen, Metzger und Bäckerinnen, Architekten und Ärztinnen, Lehrerinnen und Künstler. Merkwürdig, nicht wahr? Am Anfang gab es nur Adam und Eva, Kain und Abel. Das waren gemäss den biblischen Erzählungen die ersten Menschen auf Erden. Und auf einmal waren da noch andere Leute auf der Welt, weiss Gott, woher die kamen. Ja, Gott weiss es, aber wir wissen es nicht. Die Bibel erzählt uns nur die Geschichte von Adam und Eva, dem ersten Elternpaar und von Kain und Abel, dem ersten Brüderpaar. Die Geschichten von anderen Menschen und Familien erzählt sie nicht. Hoffentlich gab es unter diesen auch ein paar glücklichere als die von Kain und Abel. Aber jetzt verstehst du sicher auch, warum heute kein Mensch mehr Kain heissen will. Adam und Eva übrigens bekamen, nachdem sie sich über Abels Tod und Kains Verschwinden hinweg getröstet hatten, zum Glück noch ein paar weitere Kinder. Die Bauern und die Hirten in der Welt sind nicht ausgestorben.

Nachzulesen in der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel im Ersten Buch Mose, Kapitel 4.

K wie Kreuz

Wenn du auf einem Turm ein Kreuz siehst, dann weisst du: Das ist eine katholische Kirche. Es gibt auch Kirchtürme, auf denen kein Kreuz, sondern ein Hahn steht. Dann handelt es sich um Türme von reformierten Kirchen. Aber das Kreuz ist ganz allgemein das Erkennungszeichen von Christen. Ein Kreuz am Wegrand, ein Kreuz auf einem Grab, ein Kreuz am Halskettchen, ein Kreuz im Wappen findet sich nur in christlichen Kulturen. Menschen anderer Religionen und Kulturen haben andere Erkennungszeichen. Die Muslime beispielsweise die zunehmende Mondsichel, die Juden den sechszackigen Davidstern.
Ursprünglich war das Kreuz ein Folterinstrument der Römer. Früher hat man Menschen öffentlich hingerichtet, damit alle es sehen konnten und wussten: Wer eine schwere Straftat begeht, muss den Tod erleiden. Und um die Strafe noch zu verschärfen, hat man die Verurteilten möglichst langsam und qualvoll sterben lassen. Sklaven beispielsweise, die ihren Besitzern davongelaufen waren, hat man gekreuzigt. An Händen und Füssen an ein Holzkreuz genagelt und so hängen lassen, bis sie tot waren. Alle Welt sollte wissen: So ergeht es jedem, der sich nicht unterordnet.

Und ausgerechnet dieses Kreuz, und oft sogar noch mit dem gekreuzigten Jesus daran, steht als Wahrzeichen überall in unseren Kirchen, zumindest in den katholischen, allen zur Betrachtung vor Augen. Ist das nicht einfach nur schrecklich? Warum sollen wir immer an dieses furchtbare Ereignis erinnert werden, dass Jesus elendiglich an einem Kreuz sterben musste – wie viele andere vor ihm, mit ihm und nach ihm, die von Menschen gequält und getötet wurden und noch werden. Ja, als Gekreuzigter teilte er ihr Schicksal und starb wie sie in grösster Verlassenheit. Selbst seine Freunde waren weggelaufen. Und auch Gott hatte ihn nicht vor dem Tod bewahrt. Das Kreuz ist Zeichen seiner Niederlage und nicht Zeichen seines Triumphes. Es ist aber gleichzeitig auch Zeichen seiner Solidaritätmit allen Opfern in der Welt. Das sollten wir niemals vergessen, solange Menschen einander Gewalt antun: Jesus und sein Gott sind auf der Seite der Opfer zu suchen.

Und das Wichtigste kommt noch: Das Kreuz war und ist nicht das Ende. Das Kreuz ist der Anfang der Geschichte, unserer Geschichte. Denn Jesus, der von der Liebe Gottes nicht nur geredet hat, sondern sie leibhaftig verkörpert und in der Kraft dieser Liebe viele Wunder gewirkt hat, ist nicht im Grab geblieben und eines Tages einfach vergessen worden. Er ist auferweckt worden. Er ist am dritten Tag auferstanden. Er ist, mit Wundmalen an Händen und Füssen, seinen Jüngern erschienen. Er ist in den Himmel aufgefahren zu Gott, seinem himmlischen Vater. Das bezeugen die Apostel und die Evangelisten, das ist das Geheimnis des Glaubens und das Bekenntnis der Kirche seit 2000 Jahren.

Das Kreuz macht deutlich, was Unrecht und Gewalt, was Angst und Hass unter uns Menschen über andere Menschen bringt: Tod und Verderben. Der Gekreuzigte macht deutlich: Nicht der, der am Kreuz hängt, hat Strafe verdient, sondern die, die ihn gekreuzigt haben und ihn aus dem Weg räumen wollten. Was Gott sei Dank nicht gelungen ist! Denn der, der das Kreuz auf sich genommen hat, wollte nicht, dass sie bestraft, sondern dass sie erlöst würden von dem Bösen, das sie getan hatten – möglicherweise sogar, weil sie es für das Gute hielten. Eines der letzten Worte Jesu am Kreuz lautet: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» (Lukas 23,34) Als Christen glauben wir, dass Jesus den Weg des Leidens gegangen ist, um zu zeigen, wie gross die Liebe Gottes zu den Menschen ist, nicht nur zu den guten, sondern zu allen.