S

S WIE SAMARITER
SAMARITER KOMMEN AUS SAMARIA.
SCHWEIZER KOMMEN AUS DER SCHWEIZ.
SAMARIA GIBT ES HEUTE NICHT MEHR.
SAMARITER GIBT ES ABER NOCH:
HELFER IN NOT.

S wie Samariter

Wir kennen nicht einmal den Namen des Samariters, von dem diese Geschichte handelt. Aber wir wissen, woher er kommt: Aus Samaria nämlich. Für die, denen Jesus die Geschichte erzählte, waren Samariter Ausländer. Und zwar solche, die man nicht besonders mochte. Oft mag man ja gerade die am wenigsten, mit denen man eine gemeinsame Geschichte hat. Das ist bei Juden nicht anders als bei Christen oder Muslimen.

Vielleicht versuchte Jesus seine Hörer ja einfach ein wenig zu provozieren, als er ihnen die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählte. Sie nämlich wollten mit ihm über den rechten Glauben streiten. In Glaubensfragen gab es auch einige Konflikte mit den Samaritern. Jesus kam es aber viel mehr auf das rechte Tun an. Die Gelehrten verwickelten ihn immer wieder in Diskussionen über die Gebote, aber Jesus liess sich nicht aufs Glatteis von theologischen Spitzfindigkeiten führen. Er erzählte lieber Geschichten, die jede und jeder verstehen konnte. So auch die vom barmherzigen Samariter:

Es geschah am heiterhellen Tag auf der Strasse, die von Jerusalem nach Jericho hinabführt, dass ein Mann, der allein unterwegs war, niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. Leider war das keine Seltenheit in jener Gegend. Diebe und Räuber gab es viele und sie überfielen meistens Ausländer, die auf Reisen waren, denn die hatten in der Regel etwas Geld bei sich. Und wenn einer allein unterwegs war, konnte er sich ja auch nicht gut wehren. Er war hinterher meistens auch nicht mehr in der Lage zu schildern, was passiert war, wenn er den Überfall überhaupt überlebte. Das kümmerte die Täter nämlich wenig. Sie richteten ihre Opfer jeweils übel zu, bevor sie ihnen alles wegnahmen und dann so schnell wie möglich verschwanden.

Da lag also wieder einmal so ein Halbtoter auf der Strasse, der nicht einmal mehr um Hilfe rufen konnte. Zufällig kam gerade ein Priester vorbei, der wohl nach Jerusalem unterwegs war. Er sah den Verletzten, aber er machte einen Bogen um ihn herum und liess ihn liegen. Er wollte sich nicht verspäten und er durfte seinen Dienst im Tempel nicht mit Blut an den Händen beginnen. Und zudem wusste man ja nie, ob die Räuber nicht noch irgendwo in einem Hinterhalt auf weitere Opfer lauerten und auch ihn niederschlagen würden. Mit klopfendem Herzen und etwas schnelleren Schrittes ging er weiter.

Wenig später kam auch noch ein Levit, ein Tempelsänger, vorbei, auch er war unterwegs nach Jerusalem. Er hatte es eilig, denn er sollte im Gottesdienst als Vorsänger wirken. Auch er sah den Halbtoten am Boden liegen. Vielleicht meinte er, er wäre schon ganz tot. Da käme ja dann eh jede Hilfe zu spät. Und wo ein Erschlagener liegt, ist ja vielleicht auch sein Mörder nicht weit? Also, sich bloss nicht aufhalten lassen, einfach weitergehen und tun, wie wenn nichts gewesen wäre.

Gegen Abend kam dann noch ein Mann vorbei. Er ritt auf einem Esel, denn er kam von weit her. Es war ein Mann aus Samaria. Ein Fremder auf der Durchreise, ein Kaufmann und Händler. Er hätte allen Grund gehabt, sich zu fürchten, als er den Verwundeten in seinem Blut liegen sah, da er wertvolles Gepäck und viel Geld bei sich hatte. Zudem wurde es auch schon bald dunkel. Doch er hatte Mitleid, stieg aus dem Sattel und beugte sich zu dem Verletzten hinunter. Als er sah, dass der arme Mann noch lebte, nahm er Wasser und Öl aus der Satteltasche, wusch seine Wunden und legte ihm Verbände an. Dann hob er ihn auf seinen Esel und brachte ihn im nächsten Dorf in ein Gasthaus. Er blieb über Nacht bei ihm und kümmerte sich um ihn. Am anderen Morgen ging der Samariter zum Wirt des Gasthauses. Er gab ihm Geld für zwei Tage und bat ihn: «Sorg für ihn, bis er selbst wieder gehen kann. Wenn es länger dauert, will ich die Kosten für die Pflege übernehmen, wenn ich auf dem Rückweg von Jericho wieder hier vorbeikomme.» Ob der Wirt seinen Auftrag erfüllt hat und wie alles noch herausgekommen ist, das steht nicht mehr in der Bibel. Der Samariter setzte seine Reise fort und Jesus erzählte die Geschichte nicht mehr weiter.

Das ist keine Kriminalgeschichte. Man weiss nicht, wer das Opfer war, ob es überlebt hat oder am Ende doch gestorben ist. Man weiss nicht, wer die Übeltäter waren und wird sie auch nie finden. Darum geht es nicht. Worum geht es dann?

Es geht um unsere Vorurteile gegenüber Fremden, gegenüber Menschen, die anders sind und anders glauben als wir. Es geht darum, dass wir immer wieder wegschauen, wo wir hinschauen müssten. Es geht darum, dass wir zwar vieles sehen, aber lieber nicht sehen wollen. Es geht darum, dass Angst unsere Herzen hart macht.

Es geht um uns und um die Frage: Wer sind unsere Nächsten? Vielleicht sind es wildfremde Menschen, die Hilfe brauchen. Vielleicht sind es auch wildfremde Menschen, die unsere Nöte sehen. Vielleicht sind es sogar Menschen, denen wir so etwas gar nie zugetraut hätten, weil wir sie nicht besonders mögen.

Das wichtigste Gebot, sagt uns Jesus, ist das Gebot der Nächstenliebe. Wenn ich weiss, wer mein Nächster ist, weiss ich auch, was ich tun darf, was ich tun soll, was ich tun muss! Das ist seine Antwort an die Gelehrten, die mit ihm über den rechten Glauben streiten wollten. Glauben ist ein Tätigkeitswort.

Jesus hat viele Geschichten dieser Art erzählt. Aber er hat nicht nur Geschichten erzählt. Er hat auch gelebt und gehandelt, wie er es gelehrt hat. Er hat sich um die gekümmert, die unter die Räuber gefallen und unter die Räder gekommen sind im Leben. Wie zum Beispiel der barmherzige Samariter. Und am Ende ist Jesus selbst unter die Räuber gefallen und unter die Räder gekommen und umgebracht worden am Kreuz.

Samariter gibt es heute nicht mehr, weil es Samaria nicht mehr gibt. So wie es keine Franzosen mehr gäbe, wenn Frankreich, oder keine Schweizer mehr, wenn die Schweiz von der Landkarte verschwänden. Das können wir uns gar nicht recht vorstellen. Aber in Samaria konnte man sich das damals auch nicht vorstellen und dachte, das Land bestünde so lange, wie die Berge bestehen. Irrtum. Nur etwas besteht so fest, wie die Berge bestehen: Gottes Barmherzigkeit. Vom Samariter unserer Geschichte, von dem wir sonst nichts, ja nicht einmal den Namen mehr wissen, ist aber etwas in Erinnerung geblieben bis heute: dass er sich erbarmt und dem, der in Not war, geholfen hat. Darum heisst er: der barmherzige Samariter. Und solche wie diesen gibt es bis heute, mit und ohne Samariterkurs und Samariterköfferchen. Gott sei Dank. Wir haben sie nötig.

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist nachzulesen im Lukasevangelium, Kapitel 10.

S wie Sünde

In der Kirche wurde früher zu viel von Sünde gesprochen. Die Leute bekamen allein schon vom Zuhören ein schlechtes Gewissen. Aber wenn man gar nicht mehr von der Sünde spricht, haben die Leute zwar kein schlechtes, aber vielleicht gar kein Gewissen mehr. Wäre das nicht noch schlimmer?

Vor denen, die allzu genau wissen, was Sünde ist, muss man sich in Acht nehmen. Aber vor denen, die es gar nicht mehr wissen wollen, auch. Denn eines ist sicher: Es geht dabei nicht um etwas Harmloses. Ein Gummibärchen nach dem Zähneputzen ist zwar weder für die Zähne gut noch für die Figur, aber eine Sünde ist es nicht. Eine Sünde ist nämlich etwas Tödliches. Etwas, das in einem selbst und in anderen Menschen etwas zerstört. Wie zum Beispiel ein Diebstahl Vertrauen zerstört. Oder Verrat die Liebe zerstört. Oder Gewalt Leben zerstört. Sünde ist das, was Beziehungen verdirbt, die Beziehung zu anderen, zu mir selbst und auch die Beziehung zu Gott.

Manchmal ist Sünde etwas, das man getan, ein Unrecht, das man begangen hat, manchmal aber auch etwas, das man zu tun unterlassen hat, aus Gleichgültigkeit, aus Feigheit, aus Dummheit oder aus Faulheit. Wer noch nicht allzu viel seelische Hornhaut hat und fähig ist, sich für etwas zu schämen, weiss wohl, dass nicht nur Diebe, Lügner oder Mörder Sünder sind, und vor allem nicht immer nur die anderen, sondern wir alle, jede und jeder.

Und wozu soll diese Erkenntnis gut sein? Nicht um uns klein zu machen, sondern nachsichtiger gegenüber anderen, aufrichtiger gegenüber uns selbst und demütiger gegenüber Gott. Bereit, Verantwortung für unser Tun zu übernehmen und die Konsequenzen dafür zu tragen. Und was noch wichtiger ist: In uns die Sehnsucht und das Verlangen zu wecken nach dem, der heilen kann, was wir kaputt gemacht haben: Leben, Liebe und Vertrauen – das Verlangen nach einem Gott, der unsere Schuld vergibt.

Nein, naschen ist keine Sünde. Und etwas zum Naschen stibitzen auch nicht. Aber ein vernichtender Blick vielleicht oder eine üble Nachrede. Wegsehen und Weghören, verweigerte Hilfe, wo ein anderer in Not ist. Man kann zu viel von der Sünde reden. Das könnte man der Kirche von gestern vorwerfen. Aber gar nicht davon reden, als gäbe es die Sünde nicht, oder sich niemandem anvertrauen und erzählen, wofür man sich schämt, das vergrössert die Macht der Sünde über uns. Und es macht uns taub für die befreiende Botschaft von der rettenden Güte Gottes.