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R WIE RUT
RUT BEDEUTET: FREUNDIN.
RATE MAL, WAS EINE FREUNDIN WERT IST?
DIE GESCHICHTE VON RUT ERZÄHLT ES DIR.

R wie Rut

Vor sehr langer Zeit, noch bevor Jesus in Betlehem geboren wurde, gab es in Juda eine grosse Dürre, Missernten und Hungersnot. In der Folge sind die Menschen ausgewandert, um anderswo ihr Brot zu verdienen. So verliessen auch Noomi mit ihrem Mann Elimelech und ihren beiden Söhnen Haus und Hof. Sie kamen aus Betlehem, was auf Deutsch Brothausen heisst – aber auch dort gab es kein Brot mehr. Im Nachbarland Moab fanden sie Arbeit bei Bauern und konnten bescheiden davon leben. Aber leider wurden sie bald von neuem Unglück heimgesucht. Nach wenigen Jahren starb Elimelech. An eine Rückkehr in die alte Heimat war dennoch nicht zu denken, denn die beiden Söhne waren bereits mit moabitischen Frauen verheiratet und hatten in Moab eine neue Heimat gefunden. Traurigerweise verstarben aber auch diese Männer beide sehr jung, noch bevor sie Kinder hatten. So blieb Noomi alleine zurück, eine Witwe und verwaiste Mutter, ohne Familie, ohne Enkel. «Wenn ich einmal sterben muss», dachte sie, «dann will ich nicht in fremder Erde begraben sein.» Sie beschloss also, wieder nach Betlehem zurückzukehren. Ihre beiden Schwiegertöchter begleiteten sie. Die eine hiess Orpa, die andere hiess Rut. An der Grenze verabschiedete sich Noomi von ihnen und sagte: «Mit mir habt ihr keine Zukunft. Ihr seid noch jung, ihr werdet noch einmal Männer finden, mit denen ihr Kinder haben könnt. Das werden allerdings nicht mehr meine Enkel sein. Darum lasst mich jetzt aus eurem Leben verschwinden.» Alle drei weinten. Orpa ging zu ihrer Familie zurück, aber Rut wollte sich nicht von Noomi trennen. Sie sagte zu ihrer Schwiegermutter: «Ich bleibe bei dir. Wo du hingehst, will ich auch hingehen und wo du bleibst, will ich auch bleiben. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Nur der Tod kann uns trennen.» So gingen die beiden zusammen weiter und kamen schliesslich an den Ort, an dem Noomi einst gelebt hatte, nach Betlehem. Das ganze Dorf freute sich, die Leute liefen zusammen und sagten: «Das ist doch Noomi!» Aber Noomi antwortete: «Das war einmal, längst bin ich nicht mehr Noomi, die Liebliche, wie ihr mich damals genannt habt. Sagt mir lieber Mara, die Verbitterte», und sie erzählte davon, wie bitter es war, Mann und Kinder zu verlieren im fremden Land. Aber immerhin hatte sie noch Rut und dank Rut wandte sich ihr Schicksal schliesslich doch noch zum Guten!

Ausser ihrem Haus, das noch stand, hatte Noomi gar keinen Besitz mehr in Betlehem. Die beiden Frauen richteten sich darin ein, so gut es ging. Betten, ein Schrank und ein Tisch waren noch da. Aber von etwas mussten sie ja dann auch leben. Das Land, das Elimelech einst gehört hatte, war längst an andere Leute übergegangen. Da beschloss Rut: «Ich gehe Arbeit suchen.» Noomi sagte: «Dir als Ausländerin wird hier wohl keiner Arbeit geben.» Aber Rut antwortete: «Jetzt ist die Zeit der Gerstenernte. Da kann ich doch auf die Felder gehen und Ähren auflesen, das Korn, das die Schnitter stehen lassen. Lass es mich wenigstens versuchen.»

Und so ging sie und kam auf das Feld des Gutsbesitzers Boas, eines reichen Mannes, den in Betlehem alle kannten. Jeden Tag ging dieser Boas persönlich hinaus, um die Erntearbeit zu beaufsichtigen, und da fiel ihm die fremde Frau sofort auf, weil sie schön und auch noch jung war. Er fragte die Schnitter, wer sie sei, und die sagten: «Die heisst Rut. Sie ist die Schwiegertochter von Noomi. Eine Ausländerin. Eine Fremde. Aus Moab. Sie liest Ähren zusammen, die stehengeblieben oder zu Boden gefallen sind beim Schneiden. Sie ist sehr fleissig, bückt sich von morgens bis abends und setzt sich kaum einmal hin.» Da sagte Boas zu seinen Arbeitern: «Lasst zwischendurch absichtlich mal etwas fallen, damit sie genug findet. Und seid freundlich zu ihr.» Und zu Rut sagte er: «Halte dich an die Schnitterinnen. Den Männern habe ich gesagt, dass sie dich nicht belästigen dürfen. Und wenn du Durst hast, dann komm und trink aus den Krügen, die hier stehen. Du sollst es gut haben bei mir.» Und zur Essenszeit gab er ihr auch von seinem Proviant.

Am Abend, als Rut nach Hause kam, berichtete sie Noomi, wie es ihr ergangen war. Sie war sehr stolz und froh. Während Noomi die Gerste röstete, die Rut heimgebracht hatte und ein einfaches Nachtessen zubereitete, erzählte sie ihrer Schwiegertochter, wer dieser Boas war – ein entfernter Verwandter ihres verstorbenen Mannes und der reichste Bauer im Dorf. «Du hast Glück», sagte sie, «du gefällst ihm. Gott sei Dank, so ist für uns beide gesorgt.»
Von da an ging Rut jeden Tag auf die Felder von Boas und abends brachte sie oft einen ganzen Sack Körner heim, bis zum Ende der Gersten ernte. Als alles Korn in die Scheunen gebracht war, gab es ein grosses Fest. Am Tag wurde das Korn gedroschen, am Abend wurde gefeiert und getanzt. Und natürlich auch ordentlich gegessen und getrunken. Da sagte Noomi zu Rut: «Das ist deine Chance. Du bist jung und hübsch und gefällst Boas. Also, bade und mach dich schön und zieh dein bestes Gewand an für das Fest. Wenn es dann Nacht wird und alle schlafen gehen, legst du dich neben Boas unter dieselbe Decke. Er sagt dir dann schon, was du tun sollst.» Und Rut sagte: «Wie du mir rätst, so werde ich es machen.» Am Abend ging sie zum Platz, wo gefeiert wurde. Boas war auch dort und ass und trank und freute sich mit seinen Arbeitern über die gute Ernte. Als es Nacht wurde, legte er sich neben seine Getreidehaufen hin und schlief gleich ein, denn vom Wein war ihm der Kopf ganz schwer geworden. Im Schutz der Dunkelheit und leise, damit es niemand hörte, schlich Rut sich zu ihm und kroch unter seine Decke. Trotzdem wachte Boas auf und bemerkte, dass eine fremde Frau neben ihm lag. «Wer bist du?», flüsterte er erschrocken. «Ich bin Rut», sagte sie, «und ich würde gerne deine Frau werden.» «Oh!», sagte Boas, der kaum fassen konnte, was sie da sagte, da es doch unter seinen Arbeitern ein paar junge Männer gab, die kräftiger und schöner waren als er, «dann lass uns das geschickt einfädeln. Möglich, dass es da noch einen Mann im Dorf gibt, der ein Vorrecht geltend macht, dich zur Frau zu bekommen. Denn alle wissen, dass du jung und tüchtig, freundlich und obendrein auch noch sehr schön bist. Ich bin wohl nicht der Einzige, der dich gerne heiraten würde. Wir wollen das morgen im Ältestenrat regeln.» Dann schliefen sie nebeneinander bis zum Morgen. Doch bei Tagesanbruch, noch bevor es hell wurde, schickte Boas Rut nach Hause, damit niemand etwas bemerkte und sie nicht ins Gerede käme. Er vergass aber nicht, ihr noch eine ganze Schürze voll Gerstenkörner mitzugeben.

Natürlich erzählte Rut ihrer Schwiegermutter alles ganz genau, was und wie es passiert war und Noomi sagte zu ihr: «Jetzt bleibst du hier, meine Tochter, und wartest, wie die Geschichte ausgeht. Boas wird nicht ruhen, bis er alles in Ordnung gebracht hat, bestimmt noch heute!»

Boas stand erst auf, als auch seine Arbeiter sich wieder an ihr Tagwerk machten. Er liess sich seine Aufregung nicht anmerken und eilte zurück nach Betlehem, um sich zu den alten Männern auf den Dorfplatz zu setzen. Dort traf man sich nämlich, wenn man in einem Ort etwas zu regeln oder einen Handel abzuschliessen hatte. Und als der Mann vorüberging, von dem Boas glaubte, dass er mit Noomis Familie noch näher verwandt sei als er selbst und deshalb auch ein Vorrecht hätte, Rut zur Frau zu bekommen, rief er ihm zu: «Komm doch einen Augenblick herüber und setz dich zu uns.» Und dann wurde verhandelt. Boas schlug dem jüngeren Verwandten aus Noomis Familie vor, ein Feld, das früher Noomis Mann gehört hatte, zu kaufen und damit auch das Recht, dessen Schwiegertochter Rut, die Witwe seines Sohnes, zur Frau zu bekommen. Dieser Mann aber wollte nicht auf den Handel eingehen, denn er hatte schon Frau und Kinder und fürchtete, ein schlechtes Geschäft zu machen. Also lehnte er ab und sagte zu Boas: «Löse du an meiner Stelle den Erbbesitz von Noomi aus.» Per Handschlag wurde die Abmachung bekräftigt und vor Zeugen für gültig erklärt und noch am selben Tag wurde die Hochzeit von Rut und Boas gefeiert. Von da an hatten Rut und Noomi ausgesorgt! Und um das Glück voll zu machen, bekam Rut übers Jahr ein Kind und Noomi wurde eine stolze Grossmutter, die das Bübchen pflegte und verwöhnte. Das ganze Dorf freute sich mit ihr, und die Nachbarinnen, die dem Kind den Namen Obed gaben, sagten zu ihr: «Deine Schwiegertochter ist ein Geschenk vom Himmel. Sie ist mehr wert für dich als sieben Söhne.»

Das ist die Geschichte von Rut. Die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft und grossen Treue: der Treue von Rut zu ihrer verwitweten Schwiegermutter, aber auch der Treue Gottes zu seinem «verwitweten» Volk Israel, dem er Kinder und Zukunft und Leben verheissen hatte. Sie ging nämlich noch viel weiter, diese Geschichte. Rut und Noomi wurde nicht nur ein Sohn geschenkt, sondern später eine grosse Zahl von Nachkommen, Enkel und Urenkel. Einer davon war König David und 1000 Jahre später, lang ersehnt, Jesus: in Betlehem geboren, der Stadt Davids, der Heimat von Noomi und von Rut.

Nachzulesen in der Bibel ist die Geschichte von Rut in dem kleinen biblischen Buch im Alten Testament, das nach ihr benannt ist.

R wie Religion

Religion gibt es nur im Plural: viele verschiedene Religionen. Sie sind so verschieden wie die Menschen, die aus den verschiedensten Teilen der Welt nach Europa kommen und hier leben und arbeiten. Die bringen ihre Religion mit.

Aber welches ist denn die richtige, die wahre Religion? Das ist eine merkwürdige Frage, gerade als wollte man fragen: Welches ist die richtige Sprache, Deutsch oder Französisch oder Chinesisch? Wäre es vielleicht einfacher, wenn alle Menschen die gleiche Sprache sprechen würden, beispielsweise nur noch Englisch?

Religion ist eine Sprache. Sie redet von Dingen, die über das hinausgehen, was wir sehen und erklären können. Von dem, was höher oder tiefer ist als alles, was wir in unserer auf Raum und Zeit begrenzten Wirklichkeit erfahren. Religion spricht davon, woher wir kommen, bevor wir auf der Welt waren, und wohin wir gehen, wenn wir die Welt wieder verlassen müssen. Dafür braucht es eine besondere Sprache, weil sich dies letztlich unserem Begreifen entzieht.

Religionen sprechen in Bildern und Geschichten. Bei Christen, Juden und Muslimen sind die sehr ähnlich, manchmal sogar gleich. Christentum, Judentum und Islam sind verwandte Religionen. Es gibt aber auch Religionen, die uns viel fremder sind. Vielleicht kann man ihre Sprachen nicht sprechen, aber man kann sie verstehen lernen. Voraussetzung dafür ist, wie immer beim Lernen einer fremden Sprache, dass man bereits mit einer Sprache vertraut ist: seiner eigenen, seiner Muttersprache zumindest. Die wählt man sich ja nicht aus, aber in der kennt man sich aus.

Sich in seiner eigenen Religion auskennen ist wichtig. Denn in allen Religionen geht es ums Gleiche: Darum, dass Gott, etwas Göttliches, mit uns Menschen verbunden ist und wir mit ihm. Wer Gott ist, wo Gott ist, wie Gott ist, was Gott will … darüber lesen Christen in den biblischen Büchern, Juden in der Thora, Muslime im Koran. Ob es Gott überhaupt gibt, kann keine Religion beweisen. Sie kann nur von ihm erzählen. Und auf diesen Erzählungen beruht das, was Menschen hilft, ihm zu vertrauen. Das Herz jeder Religion ist das Vertrauen, das Gottvertrauen.

Eine solche Erzählung beispielsweise – du findest in diesem Buch ganz viele! – ist die Geschichte von Rut, die ja eigentlich gar nicht aus Israel stammte. Vermutlich sprach sie eine andere Sprache und hatte eine andere Religion als die Juden in Betlehem. Doch ausgerechnet sie ist zur Urgrossmutter von David, dem grössten König von Israel geworden, und zur Ur-Ur-Ur-Ur…-Grossmutter von Jesus. Denn für Gott zählt nicht, was für eine Hautfarbe, Abstammung oder Herkunft Menschen haben und auch nicht was für eine Religion, sondern einzig, dass sie seine Geschöpfe sind und einander auch als solche anerkennen und annehmen, wie Brüder und Schwestern.