J

J WIE JA – EIN NAME FÜR GOTT
J WIE JESUS – AUCH EIN NAME FÜR GOTT
J WIE JONA, DER JAMMERT,
STATT ZU JUBELN.

J wie Jona

In einem Dorf in den Bergen von Galiläa lebte ein Mann, der hiess Jona. Heute und hierzulande hiesse er eher Jonas, das ist derselbe Name in einer uns geläufigeren Form. Es ist ein hebräischer Name und bedeutet: Täubchen. Vielleicht war Jona ein besonders liebenswürdiger und freundlicher Mann. Die Leute im Dorf sagten, er sei ein Prophet, und sie kamen zu ihm, wenn sie Rat brauchten. Er lebte allein, umgeben von Büchern, las die heiligen Schriften und betete viel. Hie und da kamen Fremde in die Gegend, Handelsreisende, die Waren aus fernen Ländern brachten und vom Leben in grossen Städten erzählten. Von Ländern, in denen die Menschen andere Sprachen sprachen und andere Götter verehrten. Von Städten, die von Mauern umgeben und mit Türmen befestigt waren.

Die bedeutendste Stadt damals war Ninive. Dort gab es einen König. Der hatte einen prächtigen Palast und wunderbare Gärten. Aber nur er und die Menschen an seinem Hof hatten sauberes Wasser, in der Stadt mussten es die Leute von weit her holen und die Armen mussten vorliebnehmen mit der schmutzigen Brühe aus den Kanälen. Der König liess viele Gefangene und Sklaven für sich arbeiten, viele Bauwerke errichten und einen riesigen Tempel für seinen Gott. Es gab Theater und Markthallen und Bäder, in denen sich die reichen Leute vergnügten. Aber die grosse Mehrheit lebte in feuchten Wohnungen und hatte kaum zu essen: zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Darum gab es in Ninive auch viele Krankheiten und viele Diebe. Wenn die Händler so erzählten, dachte Jona: «Was für ein Glück, hier im friedlichen Dorf sein und bleiben zu dürfen, wo man in Sicherheit und in guter Nachbarschaft wohnen kann. Niemals würde ich in Ninive leben wollen.»

Eines Nachts jedoch vernahm er Gottes Stimme, die zu ihm sagte: «Geh nach Ninive. Sag den Menschen dort, dass Gott nicht gefällt, was sie tun. Ich will ihnen vierzig Tage Bedenkzeit geben. Sie sollen für Gerechtigkeit sorgen. Sie sollen meine Gebote respektieren. Sie sollen einander respektieren, auch die Armen. Sonst wird Ninive untergehen.» Jona dachte erst, er hätte nur geträumt. Doch nein, er war ganz wach! Und so überlegte er, was er nun machen sollte. Einfach nur sitzen bleiben und so tun, als hätte er nichts gehört, das konnte er nicht. Aber vor diesem Ninive graute ihm, da wollte er keinesfalls hingehen. Am besten reise ich ans andere Ende der Welt, überlegte er, und verstecke mich. Dort würde er seine Ruhe haben. Und so brach er auf. Er marschierte einen ganzen Tag über die Berge zum Meer hinunter, zum Hafen von Jafo. Dort hielt er Ausschau nach einem Schiff, das möglichst weit weg fuhr, weit weg von zu Hause und noch weiter weg von Ninive. Er fragte alle Seeleute: «Wohin geht eure Reise?», und bestieg schliesslich das Schiff, das nach Tarschisch fuhr, eine Stadt am westlichsten Rand des Mittelmeers, für Jona am äussersten Rand der Welt. Dort, dachte er, würde Gott ihn nicht finden.

Doch kaum war das Schiff aus dem Hafen ausgelaufen – Jona, der müde war von seinem langen Weg, hatte sich bereits schlafen gelegt in einer kleinen Kajüte zuunterst im Schiffsbauch – da kam ein ungeheurer Sturm auf. Nicht einmal der Kapitän hatte je so ein furchtbares Unwetter erlebt. Er liess die Segel einholen und alle Fracht über Bord werfen, aber der Wind legte sich nicht und die Wellen wurden immer höher. Da sagte der Kapitän: «Die Götter wollen uns strafen. Gewiss hat einer unter uns ein schweres Unrecht begangen.» Er stieg zuunterst in den Schiffsbauch, weckte Jona und schrie ihn an: «Steh auf und bete zu deinem Gott, vielleicht kann der helfen!» Doch die Wellen wurden noch bedrohlicher, der Wind immer stärker, die Angst der Seeleute immer grösser. Da beschloss der Kapitän, das Los zu werfen, um den Schuldigen zu finden, und das Los fiel auf Jona. Jona erschrak zutiefst und fing an zu zittern. «Ja, ich bin der Schuldige», gestand er, «ich bin auf der Flucht vor meinem Gott, dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was im Meer ist, dem Gott, der über Wind und Regen gebietet. Er wollte mich nach Ninive schicken, aber ich versuchte ihm zu entkommen. Werft mich über Bord, damit nur einer stirbt und wir nicht alle untergehen.» Aber die Männer auf dem Schiff versuchten, sich und ihn noch zu retten, ruderten wie die Wilden, um das Schiff in den Hafen zurückzusteuern, aber es gelang ihnen nicht. Schliesslich taten sie, wozu Jona ihnen geraten hatte: sie packten ihn und warfen ihn ins Meer. Da legten sich Sturm und Wellen und das Wasser wurde ganz ruhig.

Jona war noch ein paar Mal von aussen an die Schiffswand geschleudert worden, dann hatte er das Bewusstsein verloren und war in die Tiefe gesunken. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in einer finsteren, engen, warmen und feuchten Höhle wieder. Zuerst dachte er, er höre sein eigenes Herz vor Angst so laut pochen, aber dann merkte er, dass er sich im Bauch eines Riesenfisches befand, der ihn verschluckt hatte. In seiner ungemütlichen Lage schlang er die Arme ganz eng um sich und betete. «Ach Gott», sagte er, «wäre ich doch nur nach Ninive gegangen und hätte dort deinen Auftrag erfüllt. Du hast mich gerufen, aber ich wollte nicht hören. Hörst du mich, jetzt, wo ich um Hilfe rufe? Du wolltest doch auch Ninive vor dem Verderben retten, dann rette jetzt auch mich aus meiner Not. Dann will ich tun, was du von mir verlangst.»

Drei Tage musste Jona im Bauch des Fisches ausharren, es war ein grosser Wal, der ihn durch die Fluten zurück ans Ufer brachte. Am dritten Tag spie er ihn aus, aufs Trockene.

Als Jona noch ganz benommen am Strand lag und in die Sonne blinzelte, hörte er die Stimme Gottes zum zweiten Mal: «Mach dich auf, geh nach Ninive!» Dankbar für seine Rettung streckte er sich ein paar Mal und stand auf. Er wusch seine Kleider, die schrecklich nach Lebertran rochen, und machte sich sofort auf den Weg, nun in die andere Richtung: zurück über die Berge, hinunter ins Jordantal, und dann auf Karawanenstrassen tagelang durch weite Wüsten. Handelsreisende zeigten ihm den Weg, bis er endlich am Ziel war, in der grossen Stadt Ninive. Er musste Zoll bezahlen, um eingelassen zu werden beim grossen Tor in der mächtigen Befestigungsmauer. Dann war es, wie er gehört hatte. Paläste mit goldenen Zinnen in wunderbaren Gärten gab es da, aber auch ganz enge düstere Viertel voller Schmutz und Abfall, alte Leute verschwanden in feuchten Kellereingängen. Ninive war selbst für Gott eine grosse Stadt. Auf den breiten Boulevards sassen reiche Herren und elegante Damen auf den Terrassen teurer Restaurants, zwischen den Tischen drängten sich zerlumpte Kinder und bettelten. Als Jona sich irgendwo setzen und etwas trinken wollte, merkte er, dass ihm bereits sein Portemonnaie gestohlen worden war. So liess er sich einfach treiben durch die Stadt, über belebte Plätze, durch lärmige Märkte und enge Gassen. Er fiel natürlich auf als Fremder, denn die Menschen sahen ganz anders aus als in seiner Heimat. Er trug einen langen Bart und einen grossen Hut, die Männer in Ninive hingegen waren rasiert und auf dem Kopf hatten sie Turbane. Manche sahen ihn einfach nur neugierig an, manche fragten, woher er käme und was er hier suche. Da fing Jona an zu berichten, in welchem Auftrag er gekommen war: Ninive den Untergang anzukünden, wenn es sich nicht zum Besseren verändern würde. In nur vierzig Tagen! Er erzählte auch von seiner abenteuerlichen Reise und den drei schrecklichen Tagen im Bauch des Walfisches. Und alle, die ihn hörten, wunderten sich und sagten: «Was für ein guter Gott, der dich gerettet hat.» Bald drang die Neuigkeit von diesem eigenartigen Fremdling bis zum König. Der lud Jona in seinen Palast ein, befragte ihn und hörte ihm zu und sagte schliesslich: «Der Gott, der dich gerettet hat, möge auch uns retten vor dem Untergang, der uns droht! Wir wollen tun, was er uns sagt. Wir wollen die Stadt bewohnbar machen für alle. Es soll niemand mehr im Elend leben müssen.» Dann liess er eine dreitägige Buss- und Fastenzeit ausrufen und danach lud er das ganze Volk ein, ein grosses Fest vorzubereiten. Er liess die Gefangenen und die Sklaven frei, er öffnete seine Gärten für das Volk und alle durften an seinen Brunnen sauberes Wasser holen. In den Armenvierteln wurden die Strassen gereinigt, die Leute putzten ihre Häuser, die Ratten flohen, die Raben und Geier flogen in Scharen davon. Schliesslich, die vierzig Tage der Besinnung waren noch nicht um, wurde das Fest eröffnet, mit Musik und Tanz und einem feierlichen Dankgottesdienst!

Jona hätte sich jetzt eigentlich auch mitfreuen und mitfeiern können! Er war sogar eingeladen worden, als Ehrengast am Tisch des Königs zu sitzen. Aber er wollte lieber weg aus dieser Stadt. Sein Auftrag war erfüllt. Er hatte hier nichts mehr verloren. Er wollte nach Hause. Er war gar nicht zufrieden. In der grössten Mittagshitze setzte er sich auf einen Hügel und schaute auf das prächtige Ninive mit seinen Türmen und goldenen Zinnen hinunter. Das wäre ein Schauspiel gewesen, wenn Feuer und Schwefel vom Himmel gefallen wären und die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt hätten! Stattdessen brannte nur die Sonne unbarmherzig auf ihn herunter und der Schweiss rann ihm in Strömen unter seinem Hut hervor. Da hatte Gott Mitleid mit seinem unglücklichen Propheten und liess neben ihm einen Rizinusstrauch wachsen mit grossen Blättern, der ihm etwas Schatten spendete. Jona freute sich über diesen Rizinus, legte sich hin und hielt ein kurzes Mittagsschläfchen, bevor er den Staub von Ninive endgültig von den Schuhen schütteln und sich auf den Heimweg machen wollte.

Leider konnte er nicht schlafen. Er war neidisch und missgünstig. Womit hatten die Leute von Ninive den Segen Gottes verdient? Strafe wäre ihr gerechter Lohn gewesen, dachte er. Was hatte er nicht alles auf sich genommen, um Gottes Auftrag zu erfüllen und dieser Stadt den Untergang anzusagen. Und jetzt, nach all diesen Strapazen, sollte er zusehen, wie gut Gott es den Herrschaften von Ninive gehen liess? Und wie die bösen Gedanken an Jona nagte auch ein böser kleiner Wurm an der Wurzel des Rizinusstrauchs, so dass er, noch ehe er voll erblüht war, auch schon zu welken begann und starb. Da beklagte sich der unglückliche Jona und rief: «Herrgott noch mal, wie konnte denn das passieren? Nicht einmal das bisschen Schatten gönnt man mir!» Da redete Gott noch einmal mit Jona und sagte: «Schämst du dich nicht? Dir tut es um dieses Sträuchlein leid, das du ja nicht einmal selbst gepflanzt hast, weil es so kläglich eingegangen ist? Und mir sollte es nicht leid tun um die grosse Stadt Ninive, in der über hundertzwanzigtausend Menschen leben, die zwischen links und rechts nicht unterscheiden können, und um alle ihre Tiere? Sie sind meine Geschöpfe. Ich hab sie erschaffen zu meiner Freude und zu ihrem Wohl.»

Was danach aus Jona geworden ist, steht nicht mehr in der Bibel. Ob er etwas begriffen hat wie die Menschen in Ninive? Ob er umgekehrt ist, um mit ihnen Gott zu danken und das Fest zu feiern? Ob er endlich auch einmal jubelte, statt immer nur zu jammern? Wir wissen es nicht.

Die Geschichte von Jona ist nachzulesen im gleichnamigen biblischen Prophetenbuch Jona im Alten Testament.

J wie Jesus

Von ihm gäbe es nicht nur eine, sondern ganz viele Geschichten zu erzählen. Die Evangelien sind voll davon. Wunderbare Geschichten. Und solche, über die wir uns wundern.

Jesus ist in einem Stall zur Welt gekommen. Nicht gerade ein fulminanter Start. Er ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, in Nazaret, einem Provinznest. Sein Vater hiess Josef und war ein Zimmermann, seine Mutter Maria. Über Maria und über die Geburt von Jesus kannst du einiges erfahren, wenn du zum Buchstaben M weiterblätterst. Schon als Kind hat Jesus, wie alle jüdischen Kinder, lesen gelernt. Natürlich – und wahrscheinlich ausschliesslich – die Thora, die Bibel. Bücher hatte man damals nicht im Haus. Man ging in die Synagoge und dreimal im Jahr in den Tempel. Dort gab es Bücher. Heilige Bücher. Auch Prophetenbücher. Jesus hat sie gut gekannt und manchmal auch mit Schriftgelehrten diskutiert. Unter denen hatte er aber wenig Freunde. Seine Freunde waren eher einfache Menschen, Galiläer wie er, Fischer vom See Gennesaret. Mit denen hat er gelebt, mit denen ist er umhergezogen, manchmal wurde er eingeladen oder ist unterstützt worden von reichen Leuten, von Frauen, die ihn und seine Jünger bewirtet haben. Einen festen Wohnsitz hat Jesus nicht gehabt, eine feste Arbeit auch nicht, wahrscheinlich auch keine eigene Familie. Er hat einmal gesagt: «Meine Mutter und meine Brüder und Schwestern, das sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln.» (Lukas 8,21) Ein andermal hat er gesagt: «Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.» (Lukas 9,58)

Dieser merkwürdige Jesus hat viele Menschen bewegt, beeindruckt, berührt und manche auch geheilt. Er hatte viele Anhänger, Nachfolger, Jünger, Schüler, Freundinnen und Freunde. Er hatte aber auch viele Gegner. Leute, die es nicht gerne sahen, dass er mit Bettlern durchs Land zog, dass er mit Zöllnern verkehrte, dass er ein Freund der Armen und Verachteten war, dass die Leute auf ihn hörten und seine Anhänger im Volk immer zahlreicher wurden. Israel war zu jener Zeit besetztes Land, römische Provinz. Es unterstand einem römischen Statthalter und war voll von Soldaten, die dafür sorgten, dass es zu keinen Aufständen kam. Die römischen Besatzer waren nicht beliebt. Die Steuerlast, die sie ihren Untertanen auferlegten, war drückend. Sich befreien zu wollen, war aussichtslos. Wer solche Hoffnungen schürte, war in den Augen der Römer gefährlich. Und in diesen Verdacht geriet jeder, der das Vertrauen des einfachen Volks gewann. Auch Jesus. Sein Leben war kurz und fand ein trauriges Ende.

Anstoss genommen haben damals viele an Jesus, vor allem die Frommen und die Gelehrten. Denen war er nicht «anständig» genug, sein Umgang, und dass er es nicht immer so genau nahm mit den religiösen Vorschriften, gefiel ihnen nicht. Seine gefährlichsten Gegner allerdings waren andere. Jene nämlich, die sich mit den römischen Besatzern arrangiert hatten: die einflussreichen Leute der jüdischen Oberschicht, die Priester, die aus dem Tempel eine Bank gemacht hatten und gut davon lebten. Sie waren es, die sich angegriffen fühlten, durchaus zu Recht! Sie waren es auch, die befürchteten, seine Anhänger könnten sich radikalisieren und einmal mehr den Aufstand gegen die römischen Besatzer planen. Kajafas, der höchste Priester sagte in der Versammlung des Hohen Rats: «Ihr versteht nichts. Auch bedenkt ihr nicht, dass es für euch von Vorteil wäre, wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt und nicht das ganze Volk zugrunde geht.» (Johannes 11,50) So kamen sie schliesslich zum Schluss, dass es besser wäre, Jesus zum Schweigen zu bringen. Denn die Römer bestraften jeden Aufstandsversuch in ihren Provinzen mit absoluter Härte.

Hat Jesus nicht gemerkt, dass er in Gefahr war? Warum ist er nicht untergetaucht? Warum ist er ausgerechnet nach Jerusalem gegangen? Warum hat er die Priesterschaft weiterhin provoziert? Die Evangelien lassen keinen Zweifel aufkommen: Er wusste, was ihn erwartete. Er ist den Leidensweg gegangen, weil es der einzige Weg war, von Gottes Liebe und Treue zu den Menschen Zeugnis zu geben bis zum Ende. Vor allem den Opfern von Unrecht und Gewalt. Selbst seine nächsten Freunde haben zunächst nicht verstanden, warum es so kommen musste. Aber die Welt ist ja bis heute mit Kreuzen übersät – wo sollte der barmherzige Gott denn sonst zu finden sein, wenn nicht bei den Opfern?

Jesus hat einen gewaltsamen Tod erlitten. Er ist gestorben, aber er ist nicht verstummt. Wäre er sonst lebendig in den Herzen so vieler Menschen? Er hat mit seinem Leben und mit seinem Sterben gezeigt, dass Gott die Menschen nicht fallen lässt, was immer auch geschieht. Das war seine grosse und gute Botschaft, darauf vertrauen und hoffen die Christen bis heute.