G

G SIEHT GEFÄHRLICH AUS.
G REISST DAS MAUL AUF: O GRAUS.
GEORG STÖSST IHM DEN SPEER IN DIE GURGEL.
GEORG TÖTET DEN DRACHEN.
GOTTLOB!

G wie Georg

Georg spielt in fast allen christlichen Kirchen – ausgenommen in den reformierten, die den Heiligen keine Beachtung schenken – eine grosse Rolle. Vor allem in der katholischen Kirche wird er sehr verehrt. Er gehört dort zu den 14 Nothelfern, zu den besonderen Heiligen, an die sich Menschen in besonderen Nöten wenden können.

Im Mittelalter war der heilige Georg der Schutzpatron der Ritter, vor allem der Kreuzritter, speziell derjenigen, die sich im «Heiligen Land» um die Verwundeten gekümmert haben – denn damals haben die Christen ja Krieg geführt und wollten die Muslime aus Jerusalem vertreiben. Heute würden wir solche Unternehmungen als sehr unchristlich verurteilen. Aber die Kirche besteht aus Menschen und Menschen sind vor grossen Irrtümern nicht gefeit. Die Geschichte der Kirche ist auch eine Geschichte von grossen Irrtümern. Aber nicht nur! Denn es gab in der Kirche immer wieder Menschen, die auf Gottes Wort gehört haben und die zur Besinnung und zur Umkehr aufgerufen haben. Zu denen gehörten auch die Reformatoren. Martin Luther, Ulrich Zwingli, Jean Calvin und andere mehr. Zu ihrer Zeit, vor 500 Jahren, war die Kirche reich und mächtig und ihre grösste Sorge war es, reich und mächtig zu bleiben. Dazu waren ihr viele Mittel recht. Sie versprach den Menschen ewiges Heil, wenn sie für die Vergebung ihrer Sünden Geld bezahlten. Selbst die Erlösung der Verstorbenen aus dem ewigen Feuer konnte man kaufen. «Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt», predigten die Priester. Die Leute hatten nämlich Angst davor, nach ihrem Tod in die Hölle zu kommen. Darum kauften sie sogenannte Ablasszettel, um sich von Sünden und von Strafen zu befreien und liessen Messen lesen, auch für die bereits Verstorbenen.

Die Reformatoren waren radikale Leute. Sie wollten die Lebenden von ihren Ängsten befreien, mit denen die Priester ihre Geldgeschäfte machten. Sie wollten alles innerhalb der Kirche ausmisten, das die Gläubigen vom Wesentlichen ablenken konnte. Nichts war ihnen mehr heilig, als allein das befreiende Wort Gottes, das den Menschen verkündet werden sollte. Darum haben sie die Bibel auf Deutsch übersetzt und gedruckt. Alle sollten sie lesen können. Sie haben die lateinische Messe abgeschafft und auf Deutsch gepredigt, damit die Leute es verstehen konnten. Und sie haben den ganzen Prunk, alle Bilder und alle Heiligenfiguren aus den Kirchen hinausgeworfen. Nur die Heilige Schrift liessen sie gelten.

Das war nötig, damals! Aber heute tut es uns manchmal doch ein wenig leid um all die Kunstwerke, die dabei verloren und kaputt gegangen sind. Und dass all die grossen Zeugen von christlichem Glaubensmut und göttlicher Barmherzigkeit, unsere Heiligen eben, einfach hinausgeworfen wurden: Aus den Augen, aus dem Sinn! Nicht Menschen, sondern Gott allein sollten die Gläubigen Dank und Verehrung entgegenbringen.

Natürlich kommt Hilfe in der Not nicht von den Heiligen, sondern von Gott. Aber es waren und sind eben immer wieder besondere Menschen, die uns darauf aufmerksam machen, dass wir auf Gottes Hilfe zählen dürfen. Solche, die allein auf Gott vertrauen und sich ganz auf ihn verlassen. Sie sind für Christen Vorbilder im Glauben. Mehr sind Heilige nicht – aber auch nicht weniger! Und solche Menschen brauchen die Kirchen, auch die reformierten.

Doch zurück zum heiligen Georg. Bevor er zu einem Heiligen wurde, war er ein ganz gewöhnlicher Mensch. Georg ist griechisch – man hat zu seinen Lebzeiten Griechisch gesprochen, wie man heute auf der ganzen Welt Englisch spricht. Georg heisst wörtlich einfach: Bauer. Er war also möglicherweise ein Bauer. Dargestellt wird er allerdings immer als Ritter. Vielleicht war er eine Art Junker, jedenfalls ein wehrfähiger Mann. Er stammte aus dem Gebiet der heutigen Türkei und starb an einem Ort, der heute zu Israel gehört, ganz in der Nähe von Tel Aviv. Damals, im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, waren dies römische Provinzen und die Christen waren im Römischen Reich eine verfolgte Glaubensgemeinschaft. Der römische Kaiser Diokletian bekämpfte die Christen heftig, weil sie nicht bereit waren, sich seiner Herrschaft bedingungslos zu unterwerfen. Im ganzen Reich liess er Tempel errichten, Standbilder aufstellen und Opfer darbringen zu Ruhm und Ehren seiner eigenen Person. Wer sich weigerte, ihn als Herrn der Welt anzuerkennen und an den entsprechenden Feiern teilzunehmen, sollte getötet werden. Georg widersetzte sich jedoch seinen Anordnungen und forderte seine Mitchristen auf, ihrem Glauben treu zu bleiben und Gott allein anzubeten. Das verlangte grossen Mut und Mut war es vor allem, der Georg auszeichnete! Mut, zum Widerstand: etwas, das von Christen zu allen Zeiten gefordert ist und das immer schon nur ganz wenige wagten. Die meisten hatten Angst und die war ja auch begründet. Damals riskierten Leute wie Georg auf ein Rad geflochten oder in siedendes Blei geworfen zu werden, zu Lebzeiten deiner Urgrosseltern wurde man eher gehenkt oder erschossen. Frag einmal deine Grosseltern nach Dietrich Bonhoeffer, der sogar für die Protestanten in Deutschland und der Schweiz eine Art «Heiliger» ist. Von Georg wird erzählt, dass er auf viele Arten gequält und siebenmal getötet, aber auch siebenmal wieder auferweckt worden sei, bevor er schliesslich starb. Christen, die ihr Leben für den Glauben aufs Spiel setzten, nennt man Blutzeugen oder auf Griechisch: Märtyrer. Georg war ein solcher Märtyrer.

Nach Georgs Tod, am 23. April im Jahre 303, wurde er von den damaligen Christen weiterhin sehr verehrt. Bald schon wurde an dem Ort, wo er begraben lag, eine Kirche gebaut und auf seinen Namen geweiht. Georg war über Jahrhunderte ein grosses Vorbild für alle Gläubigen und so kam es, dass bald in der ganzen christlichen Welt immer neue Geschichten über ihn erzählt oder auch erfunden wurden. Die berühmteste und auch beliebteste ist die folgende:
Einmal kam Georg in eine Stadt, in der ein Drache die Luft mit seinem giftigen Atem verpestete und die Menschen dort in Angst und Schrecken versetzte. Die Stadt lag an einem See. Jeden Abend tauchte das Ungeheuer aus dem Wasser auf und verlangte zu fressen. Täglich mussten ihm die Leute ein Opfer bringen, ein Lämmchen oder ein Zicklein. Schliesslich gab es keine Schafe und keine Ziegen mehr. Da verschlang der Drache ihre Kinder. Natürlich wollte keine Familie eines hergeben. Darum wurde jeweils gelost und eines Tages fiel das Los auf das Töchterlein des Königs. Doch als die weinenden Eltern das Mädchen an den See hinunterbrachten, ritt gerade der heilige Georg auf einem Schimmel in die Stadt hinein. Hoch zu Ross und mit einer Lanze bewaffnet, durchbohrte er das Ungeheuer, als es aus dem See auftauchte und sein schreckliches Maul aufriss, um das Königskind zu fressen. Die ganze Stadt atmete auf, als der Drache tot war und der König bot Georg an, ihm seine gerettete Tochter zur Frau zu geben. Georg aber wollte nicht eine Prinzessin heiraten, sondern die Menschen im Glauben bestärken und ermutigen. Er lehrte sie, im Vertrauen auf Gott ihre Angst vor dem Bösen zu überwinden. Er sagte: «Die Liebe Gottes ist stärker als alles Böse und wer ihr vertraut, muss sich vor keinem Ungeheuer und auch vor dem Tod nicht fürchten.»

Wenn du also in oder an einer Kirche eine Figur siehst, hoch zu Ross, mit einer Lanze in der Hand, die einen Drachen ersticht, dann weisst du jetzt: Das ist der heilige Georg. Man erkennt ihn aber nicht nur an seinem Speer, sondern auch an seinem Wappen, einem roten Kreuz auf weissem Grund, zum Beispiel auf seinem Mantel.
Das weisse Kreuz auf rotem Grund, kennst du ja sicher: Es ist das Schweizer Kreuz. Aber das andere kennst du wahrscheinlich auch, das rote Kreuz. Wenn du es auf einem Fahrzeug siehst, dann weisst du: Da kommt die Sanität. Es gibt sogar eine weltweite Organisation, das Internationale Rote Kreuz. Es hat seinen Sitz in Genf. Das IKRK schickt Helfer in alle Länder, in denen Krieg ist und es Verwundete gibt und Gefangene. Die kümmern sich dort um die Opfer. Das rote Kreuz, das sich auf ihren Autos, Ausweisen oder Kleidern findet, kommt eben vom Mantel des heiligen Georg, weil der Menschen in Not zu Hilfe kam. Darum wurde er ja auch so verehrt, nicht nur in seiner Heimat, sondern später und bis heute in der ganzen christlichen Welt, in Georgien, dem Land, das nach ihm benannt ist, in Russland, überall in Europa, vor allem aber in England! Dort ist er im Mittelalter zum Schutzpatron des Landes erklärt worden. Und auf der englischen Flagge zog das rote Georgskreuz auf weissem Grund mit den Eroberungen der Engländer um die ganze Welt und wurde in vielen ehemaligen Kolonien in die Staatswappen oder in ihre Handels- und Kriegsflaggen aufgenommen. Schau bei der nächsten Fussballweltmeisterschaft oder bei Olympischen Spielen im Fernsehen die Fahnen gut an. Du wirst es mehrfach entdecken, das rote Georgskreuz!

Georg ist übrigens ein weltweit beliebter Name: George in England oder in den USA, Georges in Frankreich, in Spanien Jorge, in Italien Giorgio, Jurji in Russland. Bei uns nennt man ihn Jürg. Ich bin fast sicher, du kennst auch jemanden, der nach dem heiligen Georg benannt ist. Und frag einmal nach, ob nicht auch hinter deinem Namen eine spannende Geschichte steckt, denn viele der bei uns beliebten Namen sind Namen von christlichen Heiligen. 

G wie Gebet

Kennst du ein Gebet? Kannst du eines auswendig? Vielleicht ein Gebet, das man vor dem Essen oder vor dem Einschlafen spricht? Oder eher ein Lied? Ja, auch ein Lied kann ein Gebet sein. Ein altes, das vielleicht schon deine Grosseltern gesungen haben, lautet so:

Weisst du, wie viel Sternlein stehen an dem hohen Himmelszelt?
Weisst du, wie viel Wolken gehen weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen grossen Zahl.

Weisst du, wie viel Mücklein spielen in der heissen Sonnenglut,
wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut?
Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
dass sie all ins Leben kamen,
dass sie nun so fröhlich sind.

Weisst du, wie viel Kinder frühe stehn aus ihren Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen.
Kennt auch dich und hat dich lieb. *

Vielleicht denkst du: Das ist doch gar kein Gebet! Da ist ja keine einzige Bitte drin! Aber beten ist nicht nur bitten. Schliesslich gehst du auch nicht nur dann zu deiner Mutter oder deinem Vater, wenn du etwas von ihnen willst. Vielleicht möchtest du einfach erzählen, was du erlebt hast. Oder nur ein wenig in ihrer Nähe sein. Spüren, dass sie oder er da sind. Oder hören, was sie zu erzählen haben. Vielleicht hast du auch Fragen. Oder du brauchst Hilfe. Und genau so ist es, wenn man betet. Man möchte Gott nahe sein. Das kann man nicht nur in der Kirche. Das kann man überall, weil Gott überall sein kann. Aber man kann es nur, wenn man sich im Herzen wirklich auf ihn einstellt. Wenn du deinem Freund oder deiner Freundin etwas Wichtiges zu sagen hast oder sie dir, dann kannst du ja auch nicht gleichzeitig noch fernsehen oder mit dem Handy spielen und eine Bratwurst essen. Dann wollt ihr einen Augenblick allein sein. Und dann soll auch die Mutter nicht gerade ins Zimmer platzen, nicht wahr?

Und was nützt das Gebet? Hört Gott wirklich zu, wenn wir beten? Kann er überhaupt helfen und warum macht er es dann nicht immer? Beten nicht alle Kranken, dass er sie von ihren Schmerzen befreien, und alle Hungrigen, dass er ihnen zu essen geben soll? Und trotzdem bleiben sie krank oder hungrig. Nicht weil sie zu wenig gebetet haben, sondern weil Kranksein und Sterben eben auch zum Leben gehören. Und weil es an uns Menschen liegt, dafür zu sorgen, dass alle zu essen haben und niemand hungern muss. Das Gebet ist kein Wunderheilmittel gegen alles, das uns plagt. Aber wir können im Gebet Gott alles sagen, was uns beschäftigt, und darauf vertrauen, dass er uns damit nicht allein lässt. Auch was uns freut, können wir Gott erzählen und ihm dafür danken. Ein Lied singen, vielleicht. Oder am Abend, bevor wir die Augen zumachen, ganz kurz die Hände falten:

Gott, du häsch mi hüt bewacht.
Beschütz mi au i dere Nacht.
Du sorgsch für alli, Gross und Chli.
Drum schlaf ich ohni Sorgen i. **

* Das Lied «Weisst du wie viel Sternlein stehen» findet sich im Evangelisch-reformierten Gesangbuch bei der Nr. 531; Text: Wilhelm Hey 1837, Melodie: Volksweise, um 1818.
** Das Nachtgebet kommt aus der Familientradition von Käthi La Roche; Autor/-in unbekannt.