X

X WIE XAVER
X WIE X-BELIEBIG
X WIE X-MAL
X WIE X-ÖPPER
X WIE X-ÖPPIS

X wie X-Öppis

Dort, wo auf einem Formular ein X steht, muss man in der Regel einen Namen oder eine Zahl oder seine Unterschrift hinsetzen. Der Buchstabe X hält eine Leerstelle offen, in die wir selbst eintragen, was fehlt.

 In der Bibel wird uns nicht X-Öppis, X-Beliebiges erzählt über Gott und die Welt, sondern Geschichten über Gott, der zu Menschen gesprochen hat, Geschichten über Menschen, denen Gott in der einen  oder anderen Weise begegnet ist. Was wir lesen können, schwarze Buchstaben und Wörter und Sätze auf Papier, das sind nur die Spuren solcher Begegnungen. Wie Spuren im Sand, die Menschen hinterlassen haben, die vor uns darüber gegangen sind. Indem wir diesen Spuren nachgehen und die biblischen Texte lesen, hoffen wir zu verstehen,  was sie uns sagen wollen. Gott und sein lebendiges Wort ist jedoch nicht in den Buchstaben gefangen, sondern zwischen ihnen versteckt. Nicht nur was schwarz auf weiss dasteht, sondern auch das Weisse, das zwischen den Wörtern und Sätzen hervorleuchtet, ist von Bedeutung, in der Bibel und im Leben. Lesen bedeutet immer auch, zwischen den Zeilen zu lesen und mit seinen eigenen Gedanken und Geschichten zu verknüpfen.

 Hier darum zum X eine Geschichte, die nicht in der Bibel steht, aber auch so eine Spur hinterlassen hat, bei mir und bei denen, die sie erlebt haben. Die Geschichte von Xaver:
Es war ein schwerer Verkehrsunfall, bei dem Xaver zu Tode kam, erst 19-jährig. Seine Mutter ging ins Pfarrhaus, um die Beerdigung anzumelden. Sie weinte sehr. Es war ihr einziger Sohn, der gestorben war, verunglückt mit seiner Vespa auf dem Heimweg von der Arbeit, weil ein Auto, das ihm entgegenkam, auf die falsche Fahrbahn geraten war. Sie erzählte der Pfarrerin von Xaver, was für ein lustiger Bub er früher gewesen war und was für ein liebevoller grosser Sohn aus ihm geworden sei und dass sie ihn allein grossgezogen habe. Im Kindesalter habe ihm der Vater sehr gefehlt. Sie habe jeweils zu ihm gesagt: «Du musst keine Angst haben, mein Spatz, du hast einen Vater im Himmel. Er hält dich in seiner Hand und beschützt dich wie ein kleines Vögelchen.» Dann sagte sie unter Tränen: «Und jetzt hat mir diese Hand mein Vögelchen weggenommen.»

Dann kam der Tag der Beerdigung, die Orgel spielte, die Leute kamen in die Kirche, die Mutter voran, die Pfarrerin empfing sie – da flatterte ein kleines Vögelchen, das sich durch ein offenes Oberlicht in den dämmrigen Raum hinein verirrt hatte, aufgeregt über alle Köpfe, hin und her, von Wand zu Wand, von Fenster zu Fenster, wo es jedesmal gegen verschlossene Scheiben stiess, ohne den Ausweg zu finden, bis es schliesslich erschöpft zu Boden fiel, der trauernden Mutter gerade vor die Füsse. Die Pfarrerin hob es auf und gab es dem Sigrist, damit er sich um den halbtoten Spatz kümmere … Denn die Menschen sassen ja schon in den Bänken und der Gottesdienst sollte beginnen.

 Als dann die Trauergemeinde die Kirche unter Orgelklängen wieder verliess, um auf den Friedhof zu gehen, schlüpfte die Pfarrerin schnell durch die Hintertür hinaus und fragte den Sigrist, der gerade mit den letzten Blumen zum Grab eilte, was er mit dem Vögelchen gemacht habe. «Ach», sagte er, «ich habe es halt in eine Schachtel gebettet und aufs Fensterbrett gestellt. Nach einer Weile hat es sich erholt und ist wieder weggeflogen.»Da wurde es der Pfarrerin leicht ums Herz. Rasch schloss sie sich dem Trauerzug wieder an. Der Sarg wurde vorangetragen. Dann wurde er in die offene Grube gesenkt. Man blieb eine Weile stehen, warf Erde und Blumen darauf und betete gemeinsam das Unservater. Es brauchte nicht mehr viele Worte. Die Pfarrerin sagte zur Mutter: «Das Vögelchen ist weggeflogen, himmelwärts.» Das war in dem Moment Trost genug, für beide.

Psst! Nichts erklären. Eine andere Geschichte erzählen. Nicht eine x- beliebige. Eine eigene!