W

W WIE WUNDER
W WIE WIND
W WIE WOLKEN
W WIE WASSER
W WIE WELLEN
WOHER KOMMT HILFE, MITTEN IM STURM?

W wie Wunder

Glaubst du an Wunder? Ich auch nicht. Aber ich glaube an einen Gott, der Wunder wirken kann. Ist das nicht dasselbe? Nicht ganz.

Glaubst du an Träume? Zumindest beschäftigen sie mich. Warum eigentlich soll weniger wirklich sein und weniger wichtig, was mich im Schlaf bewegt als das, was ich sehe, höre und denke, wenn ich wach bin? Und warum soll, was ich wünsche, was ich hoffe, was ich glaube weniger wirksam sein im Leben als das, was sich beweisen, anfassen und scheinbar nicht ändern lässt?

Wundergeschichten gibt es ganz viele. Meistens werden sie mit besonderen Orten oder mit besonderen Personen in Zusammenhang gebracht. Diesen Orten oder diesen Personen begegnen wir mit besonderen Erwartungen: mit Hoffnungen oder mit Skepsis, mit positiven oder mit negativen Vorurteilen. Und auch die Erfahrungen können dann entsprechend positiv oder negativ sein. Es gibt Kranke, die fahren nach Lourdes und kommen glücklich nach Hause, obwohl sie nicht gesund geworden sind. Es gibt andere, die kommen enttäuscht nach Hause, obwohl sie gar nie an ein Wunder geglaubt haben. Doch wunderbarerweise wird hie und da einer geheilt – bewirkt dann das Wunder den Glauben oder machte der Glaube das Wunder überhaupt erst möglich? Und wenn Letzteres der Fall wäre, wäre es dann kein Wunder?

Wie auch immer: Wunder sind wie Träume. Es ist gut, dass sie uns beschäftigen. Es lohnt sich, sie ernst zu nehmen.
Die Evangelisten berichten, dass Jesus viele Wunder bewirkt hat. Vor allem an Menschen, die in Not waren. Die hatten immer schon die grössten Hoffnungen. Aber auch wer nichts oder nichts mehr erwartet und hofft, kann Wunder erleben – und wundert sich dann vielleicht noch viel mehr!

Einmal geschah es, als Jesus in einer Synagoge war, da entdeckte er in der Gemeinde eine Frau, die einen krummen Rücken hatte und ganz gebückt ging. Solche Menschen kann man leicht übersehen und oft schauen wir ja auch lieber weg. Oder, wie es bei dieser Frau der Fall war, die schon seit achtzehn Jahren solche Schmerzen hatte, dass sie sich nicht mehr aufrichten konnte, man gewöhnt sich einfach daran, dass jemand behindert ist. So etwas gibt es halt und es gehört zum Leben, sagen wir, und sind froh, dass es nicht zu unserem Leben gehört. Aber Jesus sah diese Frau in der Menge, er sah gerade sie! Er sah sie auch wirklich an und fühlte, dass sie litt. Da rief er sie zu sich und legte ihr seine Hände auf und sagte ganz einfach: «Mögest du von deinem Leiden erlöst sein.» Und da war sie befreit von allem, was sie niederdrückte. Sie konnte sich wieder aufrichten und zum ersten Mal seit achtzehn Jahren den Menschen wieder in die Augen blicken: ihm, der sie aufgerichtet hatte und auch all den anderen Leuten, die um sie herumstanden. Die einen schauten ganz verwundert, andere waren ein wenig befangen und wussten nicht, was sie von der Sache halten sollten, einige blickten finster. Und die Frau selbst? Sie fiel nicht etwa Jesus zu Füssen. Nein, mit erhobenem Haupt dankte sie Gott!

Ein anderes Mal geschah es, als Jesus mit seinen Jüngern auf dem See Gennesaret war, alle im selben Boot, dass ein heftiges Gewitter aufzog. Seine Jünger waren erfahrene Fischer und es war ganz sicher nicht der erste Sturm, den sie erlebten. Die wussten schon, was zu tun war. Jesus überliess sich vertrauensvoll seinen Leuten und schlief. Als dann aber die Wellen immer grösser wurden und das Schiff zu kentern drohte, da begannen die Jünger sich zu fürchten, weckten Jesus auf und schrien in Todesangst: «Meister, steh auf, wir gehen unter.» Sie wussten nicht mehr, was sie noch hätte tun sollen. Sie hatten vergeblich selbst schon bis zur Erschöpfung Wasser geschöpft, die Segel eingeholt, alles getan, das in ihrem Vermögen stand. Doch die Natur ist stärker als wir! Was können schon ein paar kleine Menschen gegen die gewaltigen Kräfte von Sturmwinden und Wassermassen ausrichten?

Jesus sah ihre Angst. Hatte er selbst denn keine? Er stand einfach auf, obwohl ihn der Sturm beinahe vom Deck riss. Er brüllte den Wind und die Wellen an und befahl ihnen, still zu sein. Eine merkwürdige Art zu beten, nicht wahr? Doch es half und das Gewitter verzog sich und das Wasser wurde wieder ganz ruhig. Da schaute Jesus seine Jünger an und fragte sie: «Wo ist euer Glaube?»

Glaube ist Vertrauen. Manchmal kommt es einem beinahe abhanden. Wenn die Wellen in unserem Leben einmal hochgehen und uns das Wasser bis zum Hals steht, rufen wir vielleicht, so wie die Jünger im Boot zu Jesus gerufen haben: «Meister, wach auf, sonst gehen wir unter.» Vielleicht schreien wir auch einmal gegen die Gewalten an, die uns bedrohen, wenn wir Gott um Hilfe bitten. Und wir erinnern uns vielleicht daran, dass der Auferstandene alle Stürme, die uns niederzuwerfen drohen, zum Schweigen bringen kann. Der Glaube an ihn ist nicht auf Wunder angewiesen – er bewirkt Wunder.

Die Geschichte von der Heilung der verkrümmten Frau steht im Lukasevangelium, Kapitel 13, und die Geschichte von der Stillung des Seesturms im Lukasevangelium, Kapitel 8.