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V wie der verlorene Sohn

Sohn vererbt wurden und die Jüngeren nur einen bescheideneren Teil vom Erbe erhielten. Der Erstgeborene war der zukünftige Chef des Clans, der Jüngere konnte bei ihm bleiben oder anderswo eine Familie gründen. Es können ja auch bei uns nicht alle Söhne eines Bauern den Hof übernehmen oder alle Töchter eines Unternehmers das Geschäft weiterführen.

Der jüngere Sohn war ungeduldig. Er wollte keine Zeit mehr verplempern bei den Herden seines Vaters, die ihm ohnehin nie gehören würden. Warum warten, bis der Vater starb? Er wollte sein Leben selbst in die Hand nehmen. Wer weiss, wie lange der Alte noch leben würde. Darum verlangte er jetzt seinen Anteil und weil sein Vater ein reicher Mann war, bekam er trotz allem ein ansehnliches Vermögen. Davon liess sich eine Weile gut leben. Der Jüngere dachte vorerst nicht ans Arbeiten. Er wollte die Welt sehen. Er zog in die Stadt. Dort ist das Leben teuer. Das kümmerte ihn nicht. Wenn er sich Freunde gemacht hätte, dachte er, würden sich später auch Geschäfte machen lassen. So stürzte er sich ins Vergnügen, wollte überall dabei sein, wo gefeiert wurde, versuchte sich im Glücksspiel und sein Vermögen schmolz wie Schnee an der Sonne. Aber als er kein Geld mehr hatte, wollten alle seine vermeintlichen Freunde nichts mehr von ihm wissen. Immer seltener wurde er eingeladen und keiner wollte ihm helfen. So versank er langsam im Elend, musste sein Haus verkaufen, konnte kein Zimmer mehr bezahlen, wusste nicht mehr, wovon er leben sollte und stand schliesslich auf der Strasse. Zum ersten Mal im Leben musste er jetzt Arbeit suchen, doch wer wollte so einem wie ihm schon Arbeit geben?

Schliesslich fand er Arbeit bei einem Bauern als Schweinehirt. Er bekam nur zu essen, was die Schweine frassen, und schlafen musste er im Saustall. Da dachte er: Ich bin doch ein Mensch und kein Tier. Jeder Tagelöhner, der bei meinem Vater arbeitet, darf mit ihm am selben Tisch sitzen und bekommt mehr als genug zu essen und einen Lohn, mit dem er seine Familie ernähren kann. Ich aber komme hier fast um vor Hunger. Ich werde zum Vater zurückgehen und werde ihm sagen: «Ich hab alles falsch gemacht, vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht länger wert, dein Sohn zu sein, aber ich bitte dich, nimm mich auf wie einen deiner Knechte.» Am anderen Morgen verliess er den Bauern und die Schweine und machte sich auf den Weg. Er war noch in weiter Ferne, aber sein Vater, der vor seinem Zelt stand wie jeden Abend und über sein Land hinausschaute, sah ihn kommen und erkannte in der elenden Gestalt sofort den Sohn, den er verloren geglaubt hatte. Er überlegte nicht lange, gab seinen Knechten Anweisung, das Mastkalb zu schlachten und ein richtiges Festessen vorzubereiten und eilte dem unerwarteten Ankömmling voller Freude entgegen, fiel ihm um den Hals und schloss ihn in die Arme. Der Sohn aber wagte kaum, ihm in die Augen zu sehen und sagte: «Vater, ich hab alles falsch gemacht, ich bin ins Elend geraten, mir selbst verloren gegangen. Ich bin es nicht länger wert, dein Sohn zu sein, aber ich bitte dich, nimm mich auf wie einen deiner Knechte.» Der Vater jedoch liess schöne Kleider herbeibringen, gab ihm Schuhe anzuziehen und steckte ihm einen Ring an den Finger. Einen Siegelring. Damit wollte er ihm alle Rechte eines Sohnes wiedergeben. Und dann sagte er zu seinen Leuten: «Nun wollen wir essen und trinken und fröhlich sein, denn mein Sohn hier war verloren und ist wieder gefunden worden.» So wurde gefeiert und getanzt und alle waren fröhlich: Alte und Junge, Frauen, Männer und Kinder, Knechte und Mägde und auch die Taglöhner.

Nur einer fehlte. Der ältere Sohn und Bruder. Der kam erst spät vom Feld zurück, als das Fest schon in vollem Gange war. Von Weitem hörte er Musik und als er näher kam, roch er den guten Duft von gebratenem Fleisch. Er rief einen der Knechte, der eben mit einem Stapel Teller an ihm vorbeieilte, zu sich und fragte: «Was ist denn hier los? Es wird gesungen und getanzt, was gibt es denn heute zu feiern?» Da sagte ihm der Knecht: «Stell dir vor, dein Bruder ist wieder da. Da hat dein Vater gleich das Mastkalb schlachten lassen vor Freude, weil er den Sohn wiederbekommen hat, den er längst verloren geglaubt hatte. Schnell, wasch dich und komm und iss und trink mit uns.» Dann ging der Knecht mit seinen Tellern ins Zelt hinein und berichtete dem Vater, dass sein Ältester vom Feld zurückgekehrt sei. Nach einer Weile, als dieser sich auf dem Fest überhaupt nicht blicken liess, ging der Vater hinaus, um ihn zu suchen. Er fand ihn vor dem Festzelt sitzend, schlecht gelaunt und verärgert. Der Vater versuchte mit ihm zu reden und lud ihn ein, seinen Bruder zu begrüssen. Doch sein Sohn sagte: «Wie kommt es, dass du wegen ihm so ein grosses Fest veranstaltest? Hat er sich nicht einfach ins Vergnügen gestürzt und dabei sein ganzes Vermögen verschleudert und ist deswegen ins Elend geraten? Jetzt, wo er nichts mehr hat, sind wir gut genug. Jetzt will er sich hier mir nichts, dir nichts an den gedeckten Tisch setzen. Er hat keinen Finger gerührt für das, was er bekommt. Gearbeitet habe ich. Tag für Tag, Jahr für Jahr hab ich mich abgerackert und dein Vermögen vergrössert. Doch für mich hast du noch nie so ein Fest veranstaltet. Nicht einmal ein Böcklein hast du für mich geschlachtet. Aber für den da kann es nicht teuer genug sein.» Da antwortete ihm der Vater: «Mein lieber Sohn, warst du denn nicht immer bei mir? Hast du es nicht immer gut gehabt? Warum bist du eifersüchtig? Alles, was mir gehört, gehört ja auch dir. Aber jetzt muss man doch feiern und sich freuen, dass dein Bruder zurückgekommen ist. Er war verloren und ist wiedergefunden worden.»

Die Geschichte hört hier auf. Wer weiss, ob der ältere Sohn sich vom Vater überzeugen und gewinnen liess, sich mitzufreuen? Was denkst du? Warum hat Jesus da nicht weitererzählt? Vielleicht damit wir noch ein wenig darüber nachdenken.

Und natürlich weil er von Gott reden wollte, der wie ein Vater ist, der seine Kinder liebt, ob sie nun besonders brav oder im Gegenteil nicht besonders brav sind. Er liebt sie, nicht weil sie es verdienen, sondern weil sie seine Kinder sind. Und weil es ihn schmerzt, wenn sie unglücklich sind. Er möchte keinen seiner Söhne verlieren. Und die Töchter natürlich auch nicht!

Nachzulesen ist die Geschichte vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium, Kapitel 15.

V wie Vergebung

Vergebung ist immer etwas Gegenseitiges. Obwohl man denken könnte, Vergebung ginge immer nur von einer Person aus: Jemand hat etwas Schlimmes getan und der, der dabei zu Schaden gekommen ist, verzichtet darauf, den «Sünder» zu bestrafen und vergibt ihm seine Schuld. Meistens sind die wirklichen Geschichten aber etwas komplizierter und es sind oft beide oder gar mehrere Seiten daran beteiligt, wenn etwas Unrechtes geschieht. Damit die Schuldigen und die Betroffenen wieder miteinander reden und einander leben lassen können, braucht es auf beiden, vielmehr auf allen Seiten die Bereitschaft zur Vergebung. Sonst würden auf Dauer fast alle Menschen miteinander im Streit leben und das wäre doch kein Leben. Aber: Vergeben ist schwierig! Und Vergebung annehmen auch. Wer vergibt, muss über seinen Schatten springen und auf sein Recht verzichten. Wer Vergebung nötig hat, muss ebenfalls über seinen Schatten springen und um Entschuldigung bitten. Das ist manchmal noch schwieriger, weil man sich eingestehen muss, dass man selbst im Unrecht ist.

Es gibt unrechte Dinge, die man wiedergutmachen kann. Wer einem Mitschüler den Radiergummi geklaut hat, kann ihm einen neuen zurückgeben. Aber wenn einer seinen Freund verraten hat, aus Feigheit oder um dabei einen Vorteil für sich herauszuholen, dann kann er das nicht so leicht wiedergutmachen. Dann muss er Geduld haben, bis der andere die Entschuldigung annimmt oder die Geschichte vergisst. Oder besser noch: nicht vergisst, sondern eben vergibt! Sonst muss der eine immer ein schlechtes Gewissen haben und das ist nicht gut für eine Freundschaft. Auch der, der nicht vergeben kann oder will, hat den Freund wohl auf immer verloren und wird das bittere Gefühl nie los, verraten worden zu sein. Vergebung befreit beide: den, der sie schenkt, und den, der sie empfängt. Vergebung ist eben immer etwas Gegenseitiges!

Auch Menschen, die einander lieben, können einander verletzen und das tut besonders weh. Darum sind wir dort, wo wir es am allernötigsten hätten, oft nicht fähig, einander zu vergeben. Da kann (und muss) uns dann ein anderer helfen: der, von dem wir wissen, dass er uns allen vergeben hat und jedem, der ihn darum bittet, vergibt. Von ihm dürfen wir auch in solchen Situationen Hilfe erwarten. Jesus hat gelehrt, dass Gott niemanden verurteilt, wenn er Fehler macht; mich nicht, wenn ich etwas Schlimmes getan habe, aber auch den nicht, der mir etwas Schlimmes getan hat. Wir sind Gottes Kinder, die er liebt. Und wir bleiben es. Gottes Liebe muss man sich nicht verdienen. Es können nicht alle Menschen unsere Freunde sein. Es genügt, wenn wir wissen, dass sie Gottes Freunde sind. Wenn wir auf seine Liebe zu allen Menschen vertrauen, können wir auch im Umgang mit denen, die es uns schwer machen, immer wieder Neuanfänge wagen, Frieden machen und fröhlich sein. Dies ist die Voraussetzung von jeder Versöhnung, im Himmel und auf Erden.