M

M WIE MOSE
MOSE HATTE ZWEI MÜTTER.
MOSES SCHWESTER HIESS MIRJAM.
AUCH DIE MUTTER VON JESUS HIESS MIRJAM.
BEI UNS HEISST SIE MARIA.

M wie Mose

Von Mose gibt es viele Darstellungen. Die berühmteste ist die Figur von Michelangelo. Überlebensgross, aus weissem Marmor, sitzt er in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom. Wenn du je einmal nach Rom reist, musst du ihn anschauen gehen. Der Mose von Michelangelo ist ein kräftiger Mann mit Bart. In starken Armen hält er zwei steinerne Tafeln. Darauf stehen Gottes heilige Gebote. Und: Es sieht aus, als hätte er Hörner. Eigentlich hat doch sonst nur der Teufel Hörner. Aber es sind gar keine Hörner, es sind Strahlen. Als er mit den Gesetzestafeln vom Gottesberg Sinai heruntergekommen sei, heisst es in der Bibel, sei er ganz umstrahlt gewesen von himmlischem Glanz. Denn mit Mose hatte Gott gesprochen wie sonst mit keinem anderen Menschen, wie man mit einem Freund redet. Daher sein Strahlen.

Mose war und ist Israels Gesetzgeber und Führer, ein Prophet Gottes, wie es keinen mehr gegeben hat nach ihm. Doch wie ist er das geworden? Das ist eine lange Geschichte:

Mose wurde in Ägypten geboren. Seine Eltern waren Hebräer. Die Hebräer waren Zwangsarbeiter in Ägypten. Sie mussten Ziegel brennen und Paläste und Vorratsstädte bauen für die Könige des Nillandes. Das waren die Pharaonen. Bis heute bewundern wir die Pyramiden in Ägypten, die sie sich als Grabmäler bauen liessen. Bis heute weiss man nicht genau, wie man damals die riesigen Quadersteine aufeinander- und zusammengefügt hat, ohne Zement, ohne Bagger und ohne Kräne. Nur eines weiss man: Es war ein Heer von Zwangsarbeitern nötig! Allerdings sollte dieses Heer auch nicht zu mächtig werden. Weil der Pharao nämlich fürchtete, die Hebräer könnten zu zahlreich und zu stark werden, zahlreicher und stärker als die Ägypter, liess er gerade in dem Jahr, als Mose geboren wurde, etwas ganz Grausamen befehlen: Alle neugeborenen Knaben der Hebräer sollten getötet werden. Die Hebammen sollten sie einfach ersticken oder in den Nil werfen, wenn sie zur Welt kamen. Natürlich versuchten die hebräischen Mütter, ihre Babys zu verstecken. Noch bevor Mose geboren wurde, flocht seine Mutter ein Weidenkörbchen mit einem Deckel, den man verschliessen konnte. Sie dichtete es ab mit Pech, sie polsterte es mit Stroh und mit einem Kissen, und als das Büblein geboren war, legte sie es in das Körbchen und brachte es zum Nil. Dort liess sie es vorsichtig ins Wasser gleiten und betete, dass Gott ihr Söhnlein retten möge, weil sie es selbst nicht länger beschützen konnte. Die Strömung trug das Körbchen bald fort, aber da es am Ufer des Nils viel Schilf gab, blieb es irgendwo darin hängen. Und dort fand es ausgerechnet die Tochter des Pharao, die an jener Stelle baden wollte. Eine von ihren Dienerinnen hörte ein Kind weinen und als sie Ausschau hielt, sah sie im Schilf das geflochtene Körbchen, aus dem ganz unzweifelhaft das Schreien eines Babys kam. Sie fischte es heraus und als sie es aufmachte, strampelte darin ein neugeborenes Knäblein. Es war nicht schwer zu erraten, dass es ein hebräisches Kind sein musste. Die Prinzessin war aber so entzückt, dass sie es heraushob und wiegte und sogleich lieb gewann und gar nicht mehr hergeben wollte. Da tauchte aus dem Schilf ein Mädchen auf, das ganz scheu fragte: «Soll ich eine Amme suchen, das Kind hat sicher Hunger?» «O ja», sagte die Prinzessin, «das ist lieb von dir.» Das Mädchen, es war die Schwester von Mose, die das Körbchen im Auge behalten hatte, lief so schnell es konnte und holte die Mutter. Als die beiden ganz ausser Atem zusammen vor der Prinzessin standen, zitternd vor Aufregung, sagte diese: «Dieses Büblein habe ich aus dem Wasser gezogen. Ich werde ihm den Namen Mose geben. Mose soll mein Sohn sein, als hätte ich ihn selbst geboren. Er soll im Palast des Pharao aufwachsen. Aber jetzt braucht er noch die Brust. Still ihn und pfleg ihn und bring ihn zu mir, wenn du ihn abgestillt hast. Dann soll er ein Prinz werden.»

Die Mutter wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, aber sie liess sich nichts anmerken. Sie wusste nur: Ihr Kind war gerettet! Sie nahm den kleinen Mose aus den Armen der Prinzessin und trug ihn nach Hause und hatte ihn lieb. Ein Jahr später, Mose fing gerade an, seine ersten Schritte zu machen, brachte sie ihn in den Palast des Pharao. Die Prinzessin liess ihn sofort in ein Bad stecken und ihm ein richtiges Prinzenkleidchen anziehen. Der Mutter gab sie einen Lohn so gross, wie ihn die Sklaven in einem ganzen Jahr nicht verdienen konnten. Aber dieses Geld machte die Mutter nicht froh. Sie wusste wohl, ihr Sohn würde ein besseres Leben haben als sie alle, aber sie war trotzdem unendlich traurig.

Der kleine Mose war nicht traurig. Er war im Palast bald wie zu Hause. Gleich mehrere Dienerinnen kümmerten sich um sein Wohl. Die ersten Worte, die er sprechen lernte, waren ägyptisch. Die schöne Prinzessin war seine Mutter. Sie liebte ihn. Der Pharao war sein Grossvater. Ihm musste man Respekt erweisen. Fast wie wenn er Gott wäre. Er sah auch ein wenig so aus, mit einer goldenen Scheibe als Kopfschmuck, dem Zeichen des Sonnengottes, den die Ägypter verehrten. Mose wurde wie ein Prinz erzogen. Er lernte lesen und schreiben, aber auch mit Waffen umgehen und reiten.

Einmal – er war bereits ein junger Mann – wollte Mose die neuen Städte sehen, die der Pharao bauen liess, und ging hinaus auf die Baustellen. Zum ersten Mal sah er die hebräischen Zwangsarbeiter in den Ziegeleien, lehmverschmierte und verschwitzte Männer, und wie sie angetrieben wurden, schneller zu arbeiten. Als sich einer sichtlich erschöpft einen Augenblick ausruhen wollte, sauste ein Stock auf ihn herunter und ein Aufseher brüllte: «He du, steh auf, hier gibts keine Pause.» Aber der Mann konnte gar nicht mehr aufstehen. Da schlug der Aufseher noch einmal zu, zweimal, dreimal, bis der Mann tot war. Mose konnte es nicht fassen. Er lief hin und mit dem Stock, mit dem der Aufseher zuvor den Mann erschlagen hatte, erschlug er nun diesen und verscharrte ihn im Sand. Schnell blickte er um sich und als er sich vergewissert hatte, dass es keine Zeugen gab, lief er weg, als wäre nichts gewesen.

Es hatte es aber doch jemand gesehen und bald drang die Nachricht von Moses Totschlag an einem ägyptischen Aufseher bis zum Pharao. Dessen Zorn kannte keine Grenzen. «Ein Wolf im Schafspelz ist dieser Prinz. Er ist ohnehin kein wirklicher Prinz, er ist ja gar nicht dein richtiger Sohn», sagte er zu seiner Tochter. «Er soll sterben.» Auf diese Weise erfuhr Mose, dass er eigentlich gar kein Ägypter, sondern ein adoptiertes Kind der Hebräer war. Im Palast konnte und wollte er nicht länger bleiben. Aber zurück zu seinen eigenen Leuten konnte er auch nicht, denn die trauten ihm nicht. Für die blieb er ein ägyptischer Prinz. Und ein Mörder. So gab es nur einen Ausweg: Mose musste fliehen!

Bei Nacht und Nebel schlich er sich aus dem Palast und aus der Stadt. Im Schutz der Dunkelheit durchquerte er das bewohnte Nilland und als der Morgen anbrach, stand er bereits am Rand der Wüste. Er folgte den Karawanenstrassen, denn da musste es doch Herbergen für die Karawanen geben, dachte er, und hie und da einen Brunnen. Als es Abend wurde, er war müde und durstig von der Hitze des Tages, kam er tatsächlich zu einer Wasserstelle. Er sah schon von Weitem ein paar Nomadenmädchen, die ihre Tiere zur Tränke trieben. Doch als er dort ankam und um einen Becher Wasser bitten wollte, tauchten wie aus dem Nichts ein paar kräftige junge Männer auf, die die Mädchen vom Brunnen wegdrängten: «Unsere Rinder zuerst», sagten sie, «eure Schafe können warten.» «He!», rief Mose dazwischen. «Das ist nicht recht, die Mädchen waren zuerst da.» «Wo kommst denn du her?», antworteten die Hirten, «du kennst wohl die Sitten unseres Landes nicht! Die Männer haben Vortritt vor den Frauen.» «Eure Sitten kümmern mich nicht», sagte Mose und schob den Wortführer einfach zur Seite. Dann stellte er sich schützend vor die Mädchen, damit sie in Ruhe ihre Schafe tränken konnten. Nachdem sie auch für ihn einen grossen Kübel Wasser geschöpft hatten, trieben sie ihre Herden nach Hause und er gab den Brunnen frei für die Hirten und ihre Rinder.

Als er noch dort sass und sich erfrischte und überlegte, wo er wohl die Nacht verbringen könnte, kam eines von den Mädchen zurück und sagte: «Unser Vater lädt dich ein, heute Abend unser Gast zu sein.» Erfreut und erleichtert nahm er die Einladung an. So kam Mose zu Jitro, der ein Priester war im Lande Midian, und er blieb bei ihm, nicht nur eine Nacht, nicht nur ein paar Tage, sondern jahrelang! Er fand bei diesem Mann nicht nur Unterschlupf, er fand bei ihm auch Arbeit und sogar eine Frau. Er wurde Hirt, heiratete eines von den Mädchen, denen er am Brunnen begegnet war, Zippora, eine Tochter von Jitro. Er führte ein gutes und zufriedenes Leben, bekam Kinder, zwei Söhne, Gerschom und Elieser, und hier könnte die Geschichte eigentlich aufhören: Ende gut, alles gut. Aber so war es nicht. Hier fing sie erst wirklich an.

Eines Morgens nämlich, Mose war bereits um die vierzig, ein gestandener Mann, sein älterer Sohn schon grösser als er selbst, ging Mose allein in die Berge, wo er nach seinen Schafen sehen wollte. Die Gegend war steinig und zerklüftet, die Tiere liefen oft sehr weit, um etwas Gras zu finden und so lief Mose eben auch sehr weit. In der Mittagshitze setzte er sich in den Schatten eines Felsens, um ein wenig auszuruhen. Da sah er etwas Seltsames. Vor ihm hatte sich ein struppiges Dornengebüsch selbst entzündet. Nicht das allein war so merkwürdig, sondern auch, dass es dabei gar nicht verbrannte, das war aussergewöhnlich. Er stand auf und ging näher heran, um sich die Sache genauer anzusehen. Da hörte er eine Stimme, die ihn rief: «Mose, Mose!» Mose antwortete: «Hier bin ich.» Da sagte die Stimme: «Bleib stehen, zieh deine Schuhe aus, der Boden, auf dem du stehst, ist heiliger Boden.» Mose war verwirrt, wer sprach da zu ihm? «Ich bin der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams», sagte die Stimme. Mose verhüllte sein Gesicht, denn er fürchtete sich. Kein Mensch darf Gott sehen oder er muss sterben, dachte er. Aber Gott redete weiter zu ihm und sagte: «Ich habe das Elend der Hebräer in Ägypten gesehen, ich habe ihre Klagen gehört über die Gewalt, die ihnen angetan wird, ich kenne ihre Not. Ich will sie aus der Sklaverei befreien und sie in ein schönes, weites Land führen, ein Land, in dem Milch und Honig fliessen. Und du Mose, du sollst sie aus Ägypten herausführen. Geh zum Pharao und sag ihm, dass er mein Volk ziehen lassen soll.» Mose war aufgewühlt und gleichzeitig bekam er auch Angst. Das Leiden seines Volks war also Gott nicht gleichgültig! Aber gleichzeitig dachte er: Warum soll ausgerechnet ich zum Pharao gehen und wie soll ich ihm unter die Augen treten? Er antwortete Gott: «Wer bin ich denn, dass du gerade mir den Auftrag gibst, meine Brüder anzuführen?» Doch Gott sagte nur: «Ich werde mit dir sein!»

Mose wusste, wie gefährlich es war, nach Ägypten zurückzukehren. Wollte der Pharao ihn immer noch töten? Und würden die Hebräer ihm vertrauen und mit ihm kommen? Er hatte Angst und sagte zu Gott: «Und wenn ich dann komme und zu den Hebräern sage: Euer Gott schickt mich zu euch, und sie mich fragen, wie ist denn sein Name, was sage ich dann?» Da sagte Gott: «Ich-werde-sein ist mein Name. Ich werde mit dir sein und ich werde mit ihnen sein. Sag ihnen, Ich-werde-sein hat mich zu euch gesandt.»

Einem Auftrag von Gott kann man sich nicht entziehen. Mose hatte noch viele Einwände und Bedenken, und er hatte auch Angst vor der Aufgabe, die Gott ihm übertragen hatte, sehr zu Recht sogar. Aber er musste sie übernehmen. Als er am Abend zu Jitro zurückkam und seinem Schwiegervater von der Begegnung mit Gott erzählte, sagte dieser: «Geh, Mose, geh! Gott hat dich gerufen, geh mit seiner Hilfe und mit seinem Segen.»
Da brach Mose auf, ging zurück nach Ägypten und damit begann die Geschichte Gottes mit seinem Volk oder die Geschichte des Volks Israel mit seinem Gott.

M wie Maria

Maria ist der häufigste Mädchenname in den lateinischen Ländern, die traditionellerweise mehrheitlich katholisch sind: Italien, Spanien oder auch ganz Südamerika. Marien gibt es dort so viele, weil die eine, nach der sie alle benannt sind, in der katholischen Kirche so hoch geschätzt wird. Die Reformierten haben Maria fast vergessen. Vergessen auch, dass die Reformatoren, dass Luther und sogar Zwingli nie aufgehört haben, Maria zu verehren. Denn ihre tiefste Überzeugung war: Der Glaube entsteht beim Hören! Dafür gibt es kein schöneres Beispiel als Maria. Sie ist Urbild und Vorbild aller Gläubigen. Um das zu verstehen, muss man die Evangelien lesen. Die schönste Mariengeschichte erzählt der Evangelist Lukas:

Maria war ein Mädchen aus den Bergen von Galiläa. Sie war zwar bereits verlobt, einem Zimmermann aus Nazaret versprochen, aber vielleicht noch ein bisschen zu jung, um zu heiraten. Da bekam sie eines Morgens unerwarteten Besuch. Ein Engel trat zu ihr ins Zimmer und sagte: «Sei gegrüsst, du Begnadete.» Sie erschrak. So war sie noch nie angesprochen worden. Sie hatte ja auch noch nie einen Engel gesehen. Sie wusste gar nicht, was dieser Gruss zu bedeuten hatte. Aber der Engel sagte zu ihr: «Hab keine Angst, Maria. Ich bringe dir eine gute Nachricht. Du wirst ein Kind bekommen, einen Sohn. Du sollst ihm den Namen Jesus geben, und er wird König sein über das Volk Israel in Ewigkeit.» Maria sagte: «Und wie soll das gehen, ich habe doch noch gar keinen Mann?» Der Engel sagte: «Gott selbst ist der Vater des Kindes, das du zur Welt bringen wirst, und es wird Sohn Gottes genannt werden.» Da sagte Maria einfach Ja: «Möge es so sein. Mir geschehe, wie du gesagt hast.» Sie glaubte dem Engel. Sie vertraute seiner Botschaft. Und schon war der merkwürdige Besucher wieder verschwunden.

Eben das heisst glauben: Ja sagen, wie Maria es tat. Ja, ich stehe zur Verfügung. Alles soll geschehen, wie Gott es will. Ich bin bereit, es geschehen zu lassen, an mir und durch mich. Und ich vertraue darauf, dass es gut ist, zur Ehre Gottes und zum Wohl von uns Menschen.

Maria wurden unglaubliche Dinge angekündigt. Noch viel unglaublicher, als dass sie schwanger werden würde, obwohl sie noch gar keinen Mann hatte, war doch die Verheissung, dass ihr Kind Sohn Gottes genannt werden würde, dass er ein König sein werde, der lang ersehnte Retter seines Volk und aller Menschen, und dass seine Herrschaft kein Ende haben werde. Das alles vernahm sie und war bereit, sich auf diese Verheissung einzulassen. Sie wusste nicht, ob Josef, ihr Verlobter, sie noch zur Frau nehmen würde mit dem Kind. Sie sagte trotzdem Ja. Hätte sie denn überhaupt Nein sagen können?

Gewiss hätte sie Nein sagen können. Menschen können immer auch Nein sagen zu dem, was ihnen im Leben widerfährt und zugemutet wird. Manchmal müssen sie auch Nein sagen. Aber nur dann, wenn sie wissen, wozu sie Ja sagen. Maria wusste es. Sie sagte Ja zum Leben und Ja zu Gott, der Leben gibt und lebendig macht. «Ja» ist das Urwort des Glaubens und Maria ist für die Christen, was Abraham für die Juden ist: das Urbild aller Gläubigen.
Es ist nicht falsch, sie Muttergottes zu nennen. Als Mutter von Jesus, der Gottes Sohn genannt wird, kann man ihr durchaus Verehrung entgegenbringen. Aber es ist nicht ihre Mutterschaft, sondern ihr Gottvertrauen, das sie ehrt. Gegenüber allzu viel Marienfrömmigkeit, die Maria fast zu einer Göttin macht, darf man auch ganz protestantisch etwas reserviert bleiben, denn das lenkt vom Wesentlichen ab. Das Wesentliche des Evangeliums ist nämlich, dass Gott Mensch geworden ist.

Nachzulesen ist die Verkündigung an und der Lobgesang von Maria (das Magnifikat) im Lukasevangelium, Kapitel 1.