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L WIE LEBEN
L WIE LEIB
L WIE LIEBE
LEIB, LEBEN UND LIEBE GEHÖREN ZUSAMMEN. LIES DIE GESCHICHTE VON LAZARUS.

L wie Lazarus

Lazarus war ein Freund von Jesus. Er wohnte zusammen mit seinen beiden Schwestern Marta und Maria in einem Haus in Betanien, nahe bei Jerusalem. Dort ging Jesus oft ein und aus und war immer ein gerngesehener Gast. Doch plötzlich wurde Lazarus schwer krank. Er lag mit hohem Fieber im Bett und der Arzt, den die Schwestern gerufen hatten, konnte ihm nicht helfen. Da schickte Marta einen Jungen, der zu Jesus laufen und ihn bitten sollte, so schnell wie möglich herzukommen und Lazarus zu helfen. Sie kannte die Orte, an denen Jesus sich oft aufhielt und wo er am ehesten zu finden war. Und sie war überzeugt, dass Lazarus wieder gesund würde, wenn Jesus nur rasch genug bei ihm wäre. Denn Jesus hatte schon so viele Menschen geheilt, Blinde und Lahme und Aussätzige. Darum wurde er ja von den Leuten oft so bedrängt, dass er sich hie und da einfach etwas zurückziehen und ausruhen musste. Manchmal auch im Haus von Marta, Maria und Lazarus.

Es wurde Abend und der Junge war noch nicht zurück. Lazarus verbrachte eine sehr unruhige Nacht und am anderen Morgen flackerten seine Augen nur noch wie zwei Kerzlein kurz vor dem Erlöschen. Endlich kam der kleine Bote wieder und sagte, Jesus sei auf dem Weg. Gott sei Dank, dachten die Schwestern. Doch es wurde Abend und er war noch immer nicht da. Lazarus atmete schwer und war vom Fieber ganz geschwächt. Es war schon spät in der Nacht, als er schliesslich einschlief – für immer. Die Schwestern wuschen seinen Leichnam, balsamierten ihn mit wohlriechenden Salben ein und wickelten ihn in Leinenbinden. So machte man das damals. Die ganze Nachbarschaft kam herbei und weinte um den Toten. Das Haus war erfüllt mit Klagegesängen und am Morgen trugen Lazarus’ Freunde seinen Leichnam vor das Dorf hinaus auf den Friedhof, um ihn zu begraben. Sie legten ihn in eine Felsenhöhle und wälzten einen schweren Stein vor den Eingang der Gruft. Das war ein sehr trauriger Tag für alle, besonders aber für die beiden Schwestern Maria und Marta.

Endlich, doch erst nach vier Tagen, kam Jesus nach Betanien. Die Neuigkeit verbreitete sich schnell und Marta ging ihm entgegen. Sie weinte und sagte zu ihm: «Kommst du, um uns zu trösten? Du kommst zu spät. Wärst du früher gekommen, so hätte mein Bruder nicht sterben müssen.» Jesus nahm sie in die Arme und sagte zu ihr: «Weine nicht, Marta, dein Bruder wird auferstehen.» «Ach», sagte Marta, «das glaube ich gewiss, aber erst am Jüngsten Tag! Wir hätten ihn aber noch gebraucht, in unserem Leben hier und jetzt.» Dann machte sie sich los und ging rasch ins Haus zurück, wo ihre Schwester auf sie wartete. Gemeinsam wollten sie mit Jesus zum Friedhof gehen und dort mit ihm beten. Aber was betet man eigentlich an einem Grab? Betet man für den Verstorbenen, dass er in den Himmel komme? Betet man für sich, weil man nicht mehr weiter weiss? Wenn man sehr traurig ist, kann man manchmal überhaupt nicht mehr beten. So ging es den beiden Schwestern eben und sie hofften, Jesus würde für sie beten. Maria warf sich ihm vor die Füsse und weinte ganz heftig und wiederholte, was schon ihre Schwester gesagt hatte: «Wärst du doch früher gekommen, dann wäre unser Bruder gewiss nicht gestorben.» So gross war ihr Vertrauen – und ihre Enttäuschung!

Jesus war erschüttert vom Schmerz der beiden Frauen und der Klage aller Umstehenden um seinen Freund Lazarus. Er sagte: «Zeigt mir die Höhle, wo ihr den Leichnam bestattet habt. Lasst uns zum Grab gehen.» Dort standen sie dann und die Leute sahen, dass auch er weinte. Sie wunderten sich und flüsterten untereinander: «Viele hat er gesund gemacht, Blinden hat er die Augen geöffnet, aber diesen konnte er nicht retten.»

Schliesslich sagte Jesus zu den Umstehenden: «Nehmt den Stein vom Grab weg.» Marta erhob Einspruch und sagte: «Nicht doch, Meister, er stinkt schon, er ist doch schon vier Tage tot.» Jesus sah sie an und erwiderte: «Vertraust du mir? Wenn du glaubst, wird etwas Wunderbares geschehen!» Die Männer vom Dorf wälzten nun den Stein vom Grab weg. Jesus blickte zum Himmel und betete laut ein Dankgebet, das alle hören konnten. Und dann rief er: «Lazarus, komm heraus.» Da kam Lazarus aus dem Grab, noch eingewickelt in seine Leinenbinden und die Augen verbunden mit dem Tuch, das man ihm aufs Gesicht gelegt hatte. Alle, die dabei waren, verstummten. Niemand weinte mehr. Niemand brachte mehr ein Wort heraus, bis Jesus sagte: «Befreit ihn doch von diesen Lumpen und lasst ihn nach Hause gehen.»

Diejenigen, die dabei gewesen waren, als dies geschah, glaubten, was sie gesehen hatten. Aber andere, denen sie die Geschichte erzählten, glaubten ihnen nicht. Im Gegenteil: Sie empörten sich. Vor allem jene, denen dieser Jesus schon länger ein Dorn im Auge war. Sie sagten: «Unsinn! Hat man schon einmal gehört, dass ein Toter wieder lebendig wird? Der macht das Volk noch verrückt. Man muss ihn zum Schweigen bringen.» Da zog sich Jesus eine Weile zurück in die Berge. Im Haus von Lazarus war er später aber noch öfter zu Gast und wurde von den beiden Schwestern Martha und Maria immer sehr ehrenvoll empfangen und bewirtet.

Und Lazarus? Nun, der dankte Gott und kehrte ins Leben zurück, während Jesus kurze Zeit später ums Leben gebracht wurde. Und er gehörte dann wohl zu denen, die als erste den Frauen Glauben schenkten, als diese vom leeren Grab zurückkamen und verkündeten, dass Jesus auferstanden sei. Denn er hatte ja am eigenen Leib erfahren, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern der lebendige Gott, der uns ins Leben ruft. Nicht nur am Anfang, wenn wir geboren werden, sondern auch am Ende, wenn wir sterben. Immer ist er es, der uns ruft, und immer ins Leben – hier auf Erden schon und dann einmal, am Jüngsten Tag.

Lazarus wurde später ein Apostel, der das Evangelium in die Welt hinausgetragen hat. Einige sagen, er sei zum Märtyrer geworden und unter dem römischen Kaiser Domitian enthauptet worden. Andere sagen, er sei nach Zypern gefahren und dort vom Apostel Paulus zum ersten Bischof in der Stadt Larnaka eingesetzt worden. Wieder andere erzählen, er sei zusammen mit seinen Schwestern auf einem Schiff ohne Segel auf dem Meer ausgesetzt und durch günstige Winde bis nach Marseille getrieben worden, wo er Bischof geworden sei. Noch heute ruhen seine Gebeine in Frankreich und werden als Reliquien in der Kirche Saint Lazare in Autun verehrt. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich immer mehr Legenden um Lazarus gerankt und so ist aus dem Freund von Jesus ein Heiliger geworden, ein Freund und Helfer der Kranken. Die Kraft seiner Botschaft ist in seinem Namen enthalten, denn Lazarus heisst auf Deutsch: Gott hilft! Nach ihm haben sich im Mittelalter die «Lazariter» benannt, militärisch organisierte Spitalbrüder, die in «Lazaretten» verwundete Soldaten gesund oder bis zum Tod gepflegt haben.

Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus ist nachzulesen im Johannesevangelium, Kapitel 11.

L wie Leib und Leben

Leib und Leben gehören zusammen. Es gibt kein Leben ausserhalb des Körpers. Aber es gibt Körper, in denen kein Leben ist. Gegenstände, Steine zum Beispiel. Im Unterschied zu denen von Tieren, Menschen oder Pflanzen. Auch wenn wir nicht genau sagen können, was Leben ist, so können wir doch immerhin sagen: Leib und Leben gehören zusammen. Auch wir Menschen sind durch und durch leibliche Wesen – auch die frömmste Seele und der grösste Geist unter uns. Und wenn der Geist eines Menschen trüb wird oder sich im Alter verwirrt, oder wenn eine Seele sich in Traurigkeit verliert, soll niemand zu sagen wagen: das ist kein Leben mehr. Es bleibt ein Mensch ein Mensch, solange sein Herz schlägt und Blut in seinen Adern fliesst, solange das Leben nicht aus seinem Leib gewichen ist.

Was ist es, das Leben? Ein bisschen Stoffwechsel, ein bisschen Chemie? Das wäre wohl zu einfach! Das Leben ist etwas, worüber wir nicht verfügen. Etwas, das jeder von uns bekommen hat, ohne eigenes Dazutun. Als Geschenk. Vielleicht auch als Last. Denn unter manchen Umständen ist es schwer zu ertragen, das Leben. Die Umstände allerdings, die sind nicht ohne unser Dazutun, wie sie sind. Wir sind dafür mitverantwortlich, dass sie menschenwürdig sind. So, dass nicht nur wir selbst, sondern auch andere Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen und sich ihres Lebens freuen können.

Zum Leben in Leiblichkeit gehört, dass es verletzlich und vergänglich ist. Menschen sind verwundbare Geschöpfe. Doch wer will schon den ganzen Tag im Bett bleiben, nur um sich kein Bein zu brechen? Und wer will denn aufhören zu lieben, nur um nie eine Enttäuschung oder einen Verlust zu erleiden? Schmerz, Krankheit und Vergänglichkeit gehören zum Leben und zur Liebe. Wer unverwundbar sein will, stirbt, und wer nie mehr weint, ist fast schon tot.

Die Bibel sagt, Leben sei der Atem Gottes, den er seinen Geschöpfen eingehaucht habe und der wieder zurückkehre zu ihm, wenn der Körper stirbt. Ein wunderbares Bild. Für uns ist das Leben zu Ende mit dem Tod. Aber nicht für Gott. Er wird uns einen neuen Leib geben, am Tag, an dem er uns auferwecken wird zu neuem Leben. So steht es in der Bibel. Wie soll man sich das vorstellen? Schwierig! Aber noch schwieriger wäre es doch, sich Auferstehung vorzustellen ohne Leib. Denn Leib und Leben gehören zusammen.

Was ist es, das Leben? Es ist Gottes grosses Geheimnis, an dem er uns teilhaben lässt, schon bevor wir sterben und auch wenn wir sterben.