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I WIE ISAAK
ISAAKS NAME BEDEUTET: LACHEN.
ISAAK HAT ABER NICHTS ZU LACHEN.
ISAAKS GESCHICHTE IST ZUM WEINEN.

I wie Isaak

Vielleicht haben Abraham und Sara ihren Sohn Isaak genannt, weil ihre Freude über seine Geburt so gross war. Oder weil die Nachbarn Witze machten, da sie beide schon so alt waren. Sein Name klingt nämlich auf Hebräisch wie «lachen». Aber der Arme hatte in seinem Leben nicht viel zu lachen. Seine Geschichte ist viel mehr zum Weinen und eine von den allertraurigsten in der ganzen Bibel.

Isaak war nicht Abrahams erster Sohn, aber er war der lang erbetene und heiss ersehnte Erbe. Aus ihm sollte ein grosses Volk werden. Das war die Verheissung, die Gott Abraham gegeben hatte. Und darauf setzte Abraham sein ganzes Vertrauen. Doch Gott wollte dieses Vertrauen auf die Probe stellen. Darum sprach er eines Nachts im Traum zu Abraham: «Geh, nimm deinen Sohn, deinen Einzigen, den du lieb hast, und geh mit ihm ins Land Morija und opfere ihn für mich auf dem Berg, den ich dir dann zeigen werde.» Damals dankten die Menschen Gott für alle guten Gaben, die sie empfangen hatten, mit einem Opfer: Der Bauer schenkte Gott seine ersten Feldfrüchte, der Hirte seine ersten Böcklein, aber doch niemals die Eltern ihre erstgeborenen und dazu noch einzigen Kinder! Was Abraham sich wohl gedacht haben mag? Dass Gott ihm den Sohn, den er ihm versprochen und schliesslich gegeben hatte, nun gleich wieder wegnehmen wolle? Dass er von ihm zurückfordern wolle, was er am allerliebsten hatte? Nur, um seinen Gehorsam zu prüfen?

Als Abraham am Morgen aufstand, sattelte er seinen Esel, packte Brot und Käse ein und füllte ein paar Schläuche mit Wasser, spaltete Holz, lud alles auf das Tier und machte sich mit Isaak und seinen Knechten auf den weiten Weg ins Land Morija. Sie waren drei Tage lang unterwegs. Am dritten Tag sah man am Horizont die Berge. Da sagte Abraham zu den Knechten: «Bleibt hier mit dem Esel, ich und mein Sohn wollen allein weitergehen, und wenn wir geopfert und gebetet haben, kommen wir hierher zurück; wartet auf uns.» Dann lud Abraham seinem Sohn Isaak das Holz auf die Schultern – der war kein kleines Kind mehr, sondern bereits ein starker Junge! – er selbst nahm das Messer und die Feuersteine in die Hand. So stiegen die beiden zusammen zu den Bergen hinauf, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Nach einer Weile sagte Isaak zu Abraham: «Vater, du hast das Feuer und ich habe das Holz. Aber wo ist das Opfer?» Abraham sagte: «Gott wird sich das Opfer selbst auswählen, mein Sohn.» So gingen die beiden weiter und schwiegen, jeder mit eigenen Fragen und schweren Gedanken beschäftigt. Dann kamen sie an den Ort, den Gott Abraham gezeigt hatte, und bauten dort einen Altar mit Steinen vom Feld. Dann schichtete Abraham das Holz darauf, das Isaak getragen hatte, und zum Schluss fesselte er seinen Sohn, wie man ein Tier fesselt, bevor man es opfert: Arme und Füsse fest zusammengeschnürt. Keiner sagte ein Wort. Isaak muss es wohl die Sprache verschlagen haben und Abraham brachte auch keine Silbe mehr über die Lippen. Er hatte doch nur diesen einen Erben, aus dem ein grosses Volk werden sollte … Und er liebte ihn über alles in der Welt. Dennoch nahm er das Messer und holte aus, um seinen Sohn zu töten. Doch im selben Augenblick rief ihn ein Engel vom Himmel beim Namen: «Abraham! Abraham!» Da hielt Abraham inne … Der Engel schrie: «Hör auf, steck das Messer weg, tu Isaak nichts an. Ich weiss, dass du bereit bist, Gott bedingungslos zu gehorchen, dass du ihm sogar deinen Sohn, deinen einzigen, den du so liebst, zurückgeben würdest, wenn er es von dir verlangte. Aber Gott will kein solches Opfer. Er will nur dein Vertrauen, er will dein Herz, aber nicht Isaaks Leben.» Da liess Abraham den Arm sinken und öffnete die Augen, die er in der Verzweiflung ganz fest zugemacht hatte: Da sah er einen grossen Widder, einen Bock, der sich mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen hatte. Er ging hin und tötete dieses Tier und opferte es anstelle von Isaak. Da kann man nur sagen: Gott sei Dank! Abraham mag das auch gesagt und aufgeatmet haben. Danach stieg er vom Berg hinunter, allein, und kehrte mit den Knechten, die auf ihn gewartet hatten, zu seiner Frau Sara zurück. Wahrscheinlich hat die der Schlag getroffen, als er ihr erzählte, was geschehen war. Jedenfalls starb sie kurze Zeit später.

Man könnte denken, dass das eher eine Abrahamsgeschichte ist, eine von den vielen Geschichten über ihn, die in der Bibel stehen. Aber es ist eben auch eine Isaaksgeschichte, eine von den wenigen Geschichten über ihn, die es gibt. Denn die Geschichte von Abraham hört hier auf. Was noch weiter geschah in seinem Leben, interessiert nicht mehr wirklich. Hingegen fängt die Geschichte von Isaak hier an. So ist das oft im Leben: Wenn wir denken, das ist das Ende, ist es in Wirklichkeit ein neuer Anfang.

Wie ging es denn weiter mit Isaak? Erst einmal verschwand er ganz einfach oben auf dem Berg Morija. Er wollte vermutlich nicht mehr neben seinem Vater hergehen und mit ihm den Berg hinuntersteigen. So einem Vater ist ja nicht zu trauen. Aber irgendwann ist er dann doch zu seiner Familie zurückgekehrt, wenn auch als ein verstörter Mensch. Nie mehr sprach er mit irgendjemandem ein Wort. Da dachte sein Vater: Ich will ihm eine Frau suchen. Die wird ihn trösten. Er schickte einen Knecht auf Brautwerbung in das Land, aus dem er selbst hergekommen war. Doch die junge Frau, die der Knecht dann heimführte – sie hiess Rebekka – fiel gleich vom Kamel, als sie ihren zukünftigen Mann zum ersten Mal sah, so traurig muss dieser Isaak ausgesehen haben. Isaak aber gewann Rebekka lieb und sie wurden mit zwei Söhnen gesegnet, den Zwillingen Jakob und Esau, und mit grossem Reichtum. Aber noch als ganz alter und schon fast blinder Mann wurde Isaak von Jakob, dem Jüngeren der beiden, reingelegt und von seiner Frau noch dazu. Er war tatsächlich ein Mann, der viel einstecken musste.

Und warum ist diese ganz schlimme Geschichte von Isaak und Abraham in Morija in der Bibel aufgeschrieben und immer wieder erzählt worden? Vielleicht, weil es so schwierig ist, Gottes Willen zu verstehen? Gerade für die, die ihm vertrauen. Manchmal sagen Leute, wenn ein schweres Unglück geschehen ist: «Es war Gottes Wille.» Sie können es dann zwar nicht besser begreifen, aber vielleicht besser annehmen. Andere klagen Gott an. Das kann man auch verstehen. Aber eines sollten wir wissen und können wir aus dieser Geschichte lernen: Dass Menschen geopfert werden, auch für das, was uns am allerheiligsten ist, das kann nicht Gottes Wille sein. Jeder Gehorsam, auch der gegenüber Gott, darf diese Grenze nicht überschreiten.

Doch wie kann es dann Gottes Wille sein, dass sein eigener Sohn Jesus ein Opfer und von Menschen getötet wurde? Ist Gott noch grausamer als Abraham? Jetzt aber aufgepasst: Grausam und verblendet waren die, die Jesus gekreuzigt haben.

Ein für allemal sollten wir wissen: Gott will keine solchen Opfer. Vielmehr gibt er sich in der Person von Jesus selbst zum Opfer, für uns, damit wir leben. Schwierige Gedanken? Eben darum stehen in der Bibel auch schwierige Geschichten, die man kennen muss. Wie man Buchstaben kennen muss, damit man lesen kann, muss man Geschichten kennen, damit man immer wieder von Neuem buchstabieren kann, was Glaube heisst.

Nachzulesen ist die Geschichte von Isaaks «Opferung» im Ersten Buch Mose, Kapitel 22, die Geschichte von Isaaks Frau Rebekka im Kapitel 24 und die Geschichte vom Betrug Jakobs an seinem sterbenden Vater Isaak im Kapitel 27 vom Ersten Buch Mose.

I wie Israel

Israel ist heute der Name eines Staats im Nahen Osten. Es ist ein junger Staat, noch keine hundert Jahre alt. Gegründet worden ist er dort, wo das Volk der Juden vor 3000 Jahren schon einmal gelebt hat und vor 2000 Jahren vertrieben worden ist. Die Mütter dieses Volks sind Sara, Rebekka, Rahel und Lea. Jüdisch ist nämlich nur, wer eine jüdische Mutter hat! Die Väter dieses Volks sind Abraham, Isaak und Jakob. Jakob, dem Sohn von Isaak, hat Gott dann später den Namen Israel gegeben und die Verheissung, die schon seine Väter bekommen hatten: aus ihm werde ein grosses Volk, das Volk Israel. (Erstes Buch Mose, 32,23f.) Es gibt dieses Volk noch heute, im Staat Israel und über die ganze Welt verstreut.

Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist eine Liebesgeschichte. Und wie alle Liebesgeschichten ist es eine dramatische und für sein Volk auch immer wieder schwierige Geschichte gewesen. Andere Völker, insbesondere die christlichen, waren oft neidisch und die Kirche hat für sich schon früh in Anspruch genommen, das neue Volk Israel, das wahre Volk Gottes zu sein, als hätte Gott seine erste Liebe verworfen. Das hatte schlimme Folgen für die Juden. Dass Gott das jüdische Volk zu seinem Volk erwählt hat, ist für die Juden nie nur ein Glück gewesen, sondern sehr oft auch eine schwere Last. Manchmal haben sie versucht, sich davon zu befreien und zu leben wie andere Völker, ohne diesen Gott und seine Gebote. Aber das ging nie lange und ging nie gut, denn Gott hat an seiner Liebe festgehalten und sich immer wieder neu um die Kinder Israels bemüht. Gerade dann, wenn sie sich von ihm abwandten. Doch warum hat er sie dann nicht bewahrt vor den schlimmen Erfahrungen der Verfolgung durch alle Jahrhunderte und der beinahe gänzlichen Vernichtung in der jüngsten Vergangenheit?

Einen Menschen aus dem jüdischen Volk hat Gott auserwählt, damit er Israel und allen Menschen seine Liebe bezeuge. Diesen einen, der dazu bereit war, im Leben und im Sterben, kennen wir alle: Es ist Jesus von Nazaret. Er hat auch uns, obschon wir nicht zu seinem Volk gehören, den Weg zum himmlischen Vater gezeigt, zu seinem und dem Vater aller Menschen, dem Gott Israels. Dieser Weg hat ihn ans Kreuz geführt. Warum hat Gott ihn nicht davor bewahrt? Seinen eigenen, geliebten Sohn? Selbst Jesus scheint es nicht zu verstehen und schreit in seiner Todesstunde: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»

Und dennoch hat sein Leben und sein Sterben damals und bis heute etwas bewirkt, das sich ebenso wenig verstehen und erklären lässt wie sein Leiden und sein Tod: nämlich das Vertrauen zu diesem Gott, dessen Ja zu uns Menschen stärker ist als das Nein der Menschen zu ihm. Und den Glauben, dass Gott sich zu dem Gekreuzigten bekannt und ihn auferweckt hat und allen, die ihm vertrauen, Anteil gibt am Leben des Auferstandenen, einem Leben, das den Tod nicht mehr zu fürchten braucht.