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FRANZIKUS PREDIGT DEN FÖGELN. FALSCH!VÖGEL SCHREIBT MAN NICHT MIT F.FRANZISKUS WAR EIN FREIER MENSCH. FREI, AUCH FEHLER ZU MACHEN.

FREI WÄREN ALLE GERN.

F wie Franziskus

Es gibt nicht eine, es gibt unzählige Geschichten von Franziskus. Ganz merkwürdige, weil er auch ein ganz merkwürdiger Mensch gewesen ist. Ein Verrückter, haben viele gemeint. Ein Heiliger, haben andere gesagt. Beides ist wahr. Er hatte nur einen Wunsch: Ganz und gar frei zu sein von allen Dingen, nach denen die meisten Leute streben und von denen die meisten Leute abhängig sind. Er wollte frei sein und nur Gott allein dienen.

Franziskus war der verwöhnte Sohn eines reichen Tuchhändlers aus Assisi in Italien. Der hatte ihm den Namen Franziskus gegeben, der Franzose. Denn Französisch sollte der Junge lernen und lesen und schreiben und rechnen, und dann einmal ein guter Kaufmann werden wie sein Vater und dessen Geschäft übernehmen. Als junger Mann führte er ein unbekümmertes Leben, trug gerne schöne Kleider und liebte Feste. Darum hatte er viele Freude und war gern gesehen bei den vornehmen Leuten in seiner Heimatstadt Assisi. Mit denen zog er dann als Zwanzigjähriger in den Kampf. Es ging um ein Stück Land der Nachbarstadt Perugia, das die Bürger von Assisi gerne haben wollten. Der Kampf wurde mit Waffen ausgetragen. Dabei geriet Franziskus in Gefangenschaft und wurde eingesperrt, fast ein Jahr lang, in einem dunklen und feuchten Verlies, bei Wasser und Brot, bis es seinem Vater schliesslich gelang, ihn gegen eine hohe Geldsumme freizukaufen. Als Franziskus wieder nach Hause kam, war er krank und geschwächt, und auch nachdem er sich körperlich erholt hatte, war er nicht mehr derselbe wie früher. Er war nachdenklich und still geworden. Man sah ihn nicht mehr oft in der Stadt, er zog sich lieber zurück an einsame Orte in der Umgebung, wo er allein sein konnte. Eines Tages kniete er in einer kleinen Kirche draussen vor der Stadt und betrachtete dort ein Bild von Jesus am Kreuz. Plötzlich vernahm er dessen Stimme, die zu ihm sagte: «Franz, siehst du nicht, dass mein Haus verfällt! Geh und bau es wieder auf!» Tatsächlich war die Kapelle in San Damiano in einem erbärmlichen Zustand. Franziskus dachte zunächst, Christus habe ihm den Auftrag gegeben, dieses Kirchlein wieder instand zu stellen. Er ging zum Priester, der neben der Kapelle wohnte, gab ihm sein ganzes Geld und sagte: «Kauf Öl, damit vor dem Altar immer ein Licht brennt. Ich will, dass es nie wieder ausgeht.» Danach machte er sich selbst an die Arbeit. Erst musste er Baumaterial besorgen. Dafür entwendete er ein paar Stoffballen aus dem Geschäft seines Vaters, verkaufte sie und kehrte mit dem Erlös nach San Damiano zurück. Sein Vater war allerdings gar nicht einverstanden. Er ging persönlich zu dieser Kapelle, um seinen Sohn nach Hause zurückzuholen: Franz sollte doch sein Geschäft weiterführen. Aber das wollte Franziskus längst nicht mehr. Es kam zum Streit. Schliesslich wusste sich der Vater nicht mehr zu helfen und klagte seinen Sohn wegen Diebstahls an. Doch Franz liess sich nicht vor den Richter der Stadt zitieren. Er sagte: «Nur Gott kann mein Richter sein.» Da wandte sich der Vater an den Bischof von Assisi und bat ihn, seinen Sohn zur Vernunft zu bringen. Der Bischof lud Franziskus zu einer öffentlichen Verhandlung ein, damit der Streit geschlichtet werden könne. Diese Einladung nahm Franz an. Der Bischof versuchte zu schlichten. Er verlangte von Franz, auf sein Erbe zu verzichten und dem Vater das Geld für die verkauften Stoffballen zurückzuerstatten. Franz sagte kein Wort; er zog einfach sein Gewand aus, den Mantel, die Schuhe, die Jacke, die Hose, die Unterwäsche, alles, bis er splitternackt dastand. Dann warf er dem Vater das Bündel Kleider vor die Füsse, samt seinem Geldbeutel, und verabschiedete sich von ihm und von seinem früheren Leben.

Die Leute lachten. Sein Vater war fassungslos und ging beschämt nach Hause. Er spürte, dass er seinen Sohn verloren hatte, für immer. Viele Leute machte das sehr nachdenklich. Einige von Franziskus’ alten Freunden waren sogar tief beeindruckt. Und der Bischof hatte Erbarmen mit Franz und schenkte ihm seinen alten Mantel.

So ging Franz nach San Damiano zurück. Er war glücklich: 25 Jahre alt und zum ersten Mal im Leben ganz und gar frei. Frei zu tun, was er tun musste: Dem Auftrag von Jesus nachkommen und seine Kirche vor dem Verfall bewahren. Er ahnte schon damals, dass es nicht nur um die Kapelle in San Damiano bei Assisi ging, sondern um die weltweite Kirche. Aber anfangen wollte er erst einmal ganz konkret, mit den Bauarbeiten in San Damiano. Dazu brauchte er kein Geld, sondern die eigenen Hände, auch die Hände von Freunden, von denen einige ihm zu Hilfe kamen, und die Unterstützung von Menschen, die ihnen brachten, was sie zum Arbeiten und zum Leben nötig hatten.

Wie gesagt: Es gab Leute, die hielten Franziskus für verrückt. Aber es gab auch welche, die hielten ihn für einen Heiligen. Und es gab einige, die wollten leben wie er: Frei, ohne jeden Besitz, ganz wie die Jünger von Jesus und nach dem Evangelium. Bald schon entstand eine kleine Gemeinschaft um den Poverello, den Armen, wie er später genannt wurde. Um in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden, musste man nur eine Bedingung erfüllen: Man musste sein ganzes Hab und Gut verschenken. Ausser einer Kutte und einer Hose durften die Mitglieder nichts besitzen. Sie hatten kein Haus und kein Bett, besassen kein Buch und überhaupt nichts mehr, was sie ihr Eigen nennen konnten, vor allem aber kein Geld. Sie ernährten sich von dem, was man ihnen gab. Wenn sie Arbeit fanden, liessen sie sich nicht bezahlen. Es genügte ihnen, dass sie zu essen bekamen. Manchmal bettelten sie auch. Sie brauchten ja nicht viel. Brot und Wasser musste oft genügen. Aber das ging den meisten Armen damals auch nicht anders und gerade diesen Armen wollte Franziskus ein Bruder sein. Ihnen wollte er das Evangelium verkünden und erzählen vom grossen Geschenk der Liebe Gottes, von der wir alle leben. Nicht nur die Armen. Nur merkt es ein reicher Mensch vielleicht nicht so schnell, weil er glaubt, alles, was er braucht, schon zu besitzen oder kaufen zu können. Franziskus sagte: «Der grösste Reichtum eines Menschen ist, dass er andere nötig hat. Erst wer das erkannt hat, ist empfänglich für die Gaben der Liebe Gottes.»

Franziskus war viel unterwegs. Er ging in die Dörfer und Städte zu den Menschen, er ging zu den Kranken, die man damals aus den Städten verbannt hatte, aber am liebsten wanderte er mit Freunden durch Feld und Wald. Einmal im Frühling, als die ersten Vögel wieder zu singen begannen, blieb er ganz entzückt unter einem Baum stehen und sagte zu seinen Gefährten: «Geht nur weiter, ich will diesen Vögeln eine kleine Predigt halten.» Sogleich flogen diese alle herbei und setzten sich auf die Zweige des Baumes. Franziskus sagte zu ihnen: «Meine lieben Vögel, was für ein wunderbares Federkleid hat Gott euch doch gegeben. Ihr braucht euch um nichts zu sorgen und seid doch schöner angezogen als König Salomo in all seiner Pracht. Hört nicht auf zu singen und eurem Schöpfer zu danken.» Sogleich fingen die Vögel an, in allen Tönen zu jubilieren, spannten die Flügel auf und flogen in alle Himmelsrichtungen davon. Und Franziskus dankte Gott für diese wunderbaren Boten seiner Liebe.

Für Bruder Franz war die Welt überhaupt voller Wunder und alles erzählte ihm von der Güte Gottes. Die Sonne, die mit ihrem Licht alle Dunkelheit vertreibt, der Mond und die Sterne, die uns den Weg durch die Nacht zeigen, Wind, Wolken und Regen, der uns erfrischt und belebt, das Gras und die Blumen, das schöne Gewand der Erde. Für alles dankte er, all das pries er in wunderbaren Liedern und Gebeten, von denen es einige gibt, die wir heute noch kennen und singen.

Franz ist nicht alt geworden. Die meisten Menschen seiner Zeit sind ohnehin nur halb so alt geworden wie wir heute. Viele Krankheiten, die man heute heilen kann, waren im Mittelalter noch unheilbar. Franz hatte sich auf einer seiner Reisen ein Augenleiden zugezogen und war beinahe blind geworden. Sein Körper war ausgezehrt und vom Hunger geschwächt. Doch als er schon sterbenskrank war, hat er seinem bekanntesten Loblied auf die Güte Gottes, dem Sonnengesang, noch eine letzte Strophe angefügt: «Gelobt seist du, Gott, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod.» Er wusste, dass die letzte grosse Befreiung bevorstand, die Befreiung von all seinen Schmerzen. Er fürchtete den Tod nicht, er vertraute auf Gott, dass er ihn zu sich heimholen würde. Am 4. Oktober 1226 ist er gestorben. Bald 800 Jahre ist das her. War er nun ein Verrückter oder war er ein Heiliger?

Jedenfalls hat Franziskus viel dazu beigetragen, die christliche Kirche vor dem Verfall zu retten. Er fand, dass ihr Reichtum sie verdorben habe. «Der wahre Reichtum der Kirche», sagte er, «sind die Armen. Sie sind Gottes Lieblinge.» Vielleicht war Franziskus wirklich ein Verrückter. Aber ganz gewiss gehörte er zu Gottes Lieblingen, der arme Poverello. 

F wie Freiheit

Alle Menschen träumen von Freiheit. Nur wenige haben sie. Freiheit ist etwas ganz Kostbares. Sie ist teuer, aber man kann sie nicht kaufen!

Du denkst vielleicht: Wenn ich einmal gross bin, bin ich frei. Dann kann ich selbst entscheiden und tun, was mir gefällt. Dann können mir Mutter und Vater nicht mehr vorschreiben, was ich darf und was ich nicht darf und was ich tun muss. Wenn ich gross bin, werde ich Geld verdienen und mir kaufen können, was ich mir wünsche. Das stimmt: Mit Geld kann man vieles kaufen! Aber wer Geld verdienen will, muss arbeiten und seine Kraft und seine Zeit dafür geben. Es bestimmen dann nicht mehr die Eltern, aber der Chef oder die Firma, was man darf oder nicht darf und tun muss. Auch Erwachsene sind nicht so frei, wie wir uns das als Kinder vorstellen. Am freiesten sind vielleicht die Alten, die nicht mehr arbeiten müssen und selbst über ihre Zeit verfügen. Aber sie haben nicht nur, sie brauchen auch viel mehr Zeit als die Jungen: Sie können nicht mehr so schnell laufen, nicht mehr so gut sehen oder hören, die Knochen tun ihnen weh. Und wie Kinder, die gerne schon gross wären, wären manche von ihnen gerne noch einmal jung und frei von Schmerzen. Ist Freiheit vielleicht für alle etwas anderes? Gerade das, was wir noch nicht oder nicht mehr haben?

Alle Menschen träumen von Freiheit. Nur wenige haben sie. Wir haben Glück. Wir leben in einem Land, in dem man selbst denken darf und auch soll! In einem Land, in dem alle gleiche Rechte haben, Männer und Frauen, Reiche und Arme. Das war in der Geschichte und das ist in vielen Teilen der Welt auch heute noch überhaupt nicht selbstverständlich und eine grosse Errungenschaft. Man muss Sorge tragen dazu. In vielen Ländern wird den Menschen diese Freiheit noch immer verweigert. Die Leute dürfen nicht sagen, was sie denken – ja man schreibt ihnen sogar vor, was sie zu denken haben!

Aber frei, wirklich frei sind nur Menschen, die frei sind von sich selbst. Denn unsere Wünsche, aber auch unser Gewissen können Tyrannen sein, schlimmer als alle Gesetze und äusseren Zwänge, die unser Handeln bestimmen. Die Freiheit von sich selbst kann man sich allerdings nicht kaufen oder verdienen, man kann sie sich auch nicht einfach nehmen. Man kann sie nur geschenkt bekommen von dem, der frei machen kann, weil er selbst frei ist. Die Freiheit, die Gott uns schenkt, ist Freiheit von Hass und Neid und Minderwertigkeitsgefühlen, Freiheit von Angst und von Sorgen, Freiheit von fremder und eigener Schuld. Ob wir in einem «freien» Land leben, ob wir Geld haben, ob wir erfolgreich sind und gesund, das ist nicht unwichtig, aber es ist nicht das einzig Entscheidende für unser Leben. Entscheidend ist, dass wir wissen, dass wir Gottes geliebte Kinder sind. Diese Gewissheit lässt das Beste in uns wachsen: Die Fähigkeit, andere Menschen zu lieben, ob sie es verdienen oder nicht. Die Unabhängigkeit von allen Urteilen, von den eigenen und denen von anderen über uns selbst. Eben das ist Freiheit.

Einer, der in äusserster Radikalität und Konsequenz aus solcher Freiheit im Glauben gelebt und gehandelt hat, war der heilige Franz von Assisi. Zwar können und müssen wir nicht alle so sein, wie er es war. Aber lernen können wir etwas von ihm. Nämlich, dass der grösste Reichtum eines Menschen etwas ist, das man sich gar nicht selbst verdienen oder beeinflussen kann: die Liebe Gottes. Sie erlaubt uns zu sehen, wer wir sind, und macht uns frei, vielleicht noch ganz andere zu werden.