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C STRECKT SEINE OFFENEN ARME AUS.
C WILL NICHT ALLEIN SEIN.

C VERBINDET SICH MIT H ZU CH.
SO KOMMT DAS CHRISTKIND ZUR WELT.

Den Namen Christophorus hat er erst später bekommen. Wie er ursprünglich hiess, der Held dieser Geschichte, weiss niemand, auch nicht, woher er eigentlich kam. Er war vielleicht ein Türke oder ein Nordafrikaner, jedenfalls ein aussergewöhnlich grosser, starker und schöner junger Mann. Einer, den jeder Fussballklub und jede Nationalmannschaft gerne haben möchte. Und der dann natürlich auch auswählen kann, bei welcher Mannschaft er mitspielen will. Damals aber, zur Zeit der ersten Christen, als dieser Mann lebte, gab es noch keine Fussballspiele und keine Weltmeisterschaften. Also wurde er Soldat. Er wollte dem grössten und mächtigsten aller Könige dienen, und den begann er auf der ganzen Welt zu suchen. Doch er fand keinen, der sich nicht fürchtete, seine Macht an diesen Jungen zu verlieren, der stärker, grösser und schöner war als er selbst.

Nach langer vergeblicher Suche kam der junge Mann schliesslich zu einer kleinen Hütte am Ufer eines Flusses, in der ein alter Einsiedler wohnte. «Wie komm ich hier weiter?», fragte er den Einsiedler, denn der Weg führte direkt zum Wasser und es gab keine Brücke. Der alte Mann sagte: «Bleib hier, bald wird es Nacht. Du bist sicher müde. Ruh dich aus, du kannst dich morgen wieder auf den Weg machen. Wohin geht denn die Reise?» Da erzählte ihm der Soldat, dass er den grössten und mächtigsten König der Welt suche, weil er in seinen Dienst treten wolle. Der Einsiedler sagte: «Ach, junger Mann, mit der Macht der Könige auf Erden ist es nicht weit her. Da hat einer Angst vor dem andern. Herr über die ganze Welt ist Gott allein und nur seine Macht ist unbegrenzt. Wenn du diesem Herrn dienen willst, dann kannst du das überall tun. Auch hier.» Der junge Mann fragte: «Willst du mein Lehrmeister sein?» Da sagte der Einsiedler zu ihm: «Bleib bei mir und erledige für mich, wofür meine Kräfte nicht mehr ausreichen. Schau, hier ist der Fluss nicht tief und an dieser Stelle muss man durchs Wasser gehen, wenn man ans andere Ufer gelangen will, denn eine Brücke gibt es nicht. Aber die Strömung ist stark und es gibt Wirbel, die schon manchen zum Verhängnis geworden sind. Wer den Fluss nicht kennt und es allein versucht, riskiert sein Leben. Du bist gross und stark, du könntest Menschen hinüberbegleiten, wie ich es viele Jahre lang getan habe. Wer dem König der Welt dienen will, muss sich um die kümmern, die Hilfe brauchen.» So nahm der junge Soldat den Stock des alten Einsiedlers und wurde an seiner Stelle zum Fährmann, einem Fährmann ohne Schiff und Ruder, aber mit Leib und Seele im Dienst des Königs der Welt. Es waren vor allem Jäger und Hirten, denen er hinüberhelfen musste, einmal auch einem alten Mütterchen, das er auf seinem Rücken trug. Wenn ihn niemand brauchte, setzte er sich ein wenig ins Gras und schaute den Wellen zu, den Fischen, die darüber sprangen und in der Sonne glänzten, den Wolken, die sich darin spiegelten, und freute sich an der Schönheit der Welt. «So ruhig fliesst das Wasser, wie der Strom der Zeit, wie der Strom des Lebens», dachte er, «und birgt doch so viele Gefahren und verschlingt so viele Menschen. Um ein paar wenige zu retten, hat mich der König der Welt hierher bestellt. Und was ist mit all den anderen, die Hilfe nötig hätten?» Er hätte ihn gerne selbst gefragt, diesen mächtigen König, von dem der Einsiedler ihm erzählt hatte, den Schöpfer von Himmel und Erde, doch wie sollte er mit ihm reden können, da ihn doch noch nie ein Mensch gesehen hatte?

Eines Tages stand ein kleines Kind am Ufer, das über den Fluss wollte. Er hob es auf seine Schultern, nahm den Stab in die Hand und schritt beherzt ins Wasser. Das Kind war ein Leichtgewicht, viel leichter, als alle, die er sonst hinübertragen musste. Doch mit jedem Schritt, den er tat, schien es schwerer zu werden, bis er fast zusammenbrach unter seiner Last. In der Mitte des Stromes keuchte er schliesslich: «Kind, du bist so schwer, als trüge ich die ganze Welt auf meinen Schultern.» Er umklammerte den Stab in seiner Hand, der ihm Halt gab, und mit letzter Kraft erreichte er das gegenüberliegende Ufer. Dort setzte er das Kind ab. Es sagte zu ihm: «Wie du gesagt hast, so war es: Du hast den über den Fluss getragen, der die Last der ganzen Welt auf sich genommen hat, Christus selbst. Von jetzt an sollst du Christophorus heissen. Das bedeutet: Christusträger.»

Unter diesem Namen kennt man ihn vielleicht. Er ist auf den Aussenwänden vieler alter Kirchen abgebildet, ein grosser starker Mann, der tief im Wasser steht, das Christkind auf den Schultern und einen Stab in den Händen, der zu grünen beginnt. So wird es nämlich erzählt: Nachdem Christophorus das Kind übers Wasser getragen hatte, habe das dürre Holz seines Steckens angefangen Blätter zu treiben wie ein junger Baum. Als er abends in die Hütte des Einsiedlers zurückkehrte, habe sich der alte Mann ganz ausserordentlich gefreut und gesagt: «So hast du nun den Herrn der Welt gefunden, der dich in seinen Dienst genommen hat. Jetzt hast du seine Macht erfahren. Er kann sogar aus totem Holz neues Leben spriessen lassen!»

Diesem Herrn ist Christophorus sein Leben lang treu geblieben und hat Menschen übers Wasser getragen, solange seine Kräfte dazu ausreichten. Darum wird er bis heute verehrt als «Heiliger Christophorus» – der sich um die Kleinsten kümmert, um dem Grössten zu dienen.

Die Christen sind nach ihm benannt. Sie sind die, die in ihm Gott selbst sehen. Anders als für Andersgläubige hat Gott für Christen ein Gesicht, das Gesicht von Jesus Christus. Allah, der Gott der Muslime, hat kein Gesicht. Man kann ihn nicht sehen. In Indien gibt es die Hindus. Die verehren andere Götter. Einer beispielsweise hat ein Elefantengesicht. Das finden wir vielleicht etwas komisch. Aber dass Gott ein Menschengesicht hat, das finden Menschen aus anderen Religionen und Kulturen ebenso merkwürdig.

Christus ist kein Name, sondern ein Ehrentitel für Jesus. Dass Jesus der Christus sei, war und ist das Bekenntnis der christlichen Kirche. Christus heisst wörtlich: der Gesalbte. Man hat im alten Israel Könige nicht gekrönt, sondern gesalbt. Kostbares Öl wurde ihnen über das Haupt gegossen, sodass die Haare dufteten und das Gesicht glänzte. Auch Propheten waren Gesalbte. Zu allen Zeiten, aber in schwierigen Zeiten ganz besonders, haben die Juden darauf gewartet, dass Gott seinem Volk den Gesalbten schickt, der es von allen Feinden befreit, den Messias, wie er auf Hebräisch heisst. Den, der der ganzen Welt Frieden bringt.

Zur Zeit von Jesus gab es natürlich noch keine Christen und viele Menschen in Galiläa und in Judäa haben ganz besonders dringlich auf diesen Messias gewartet, weil es ihnen schlecht ging unter der römischen Herrschaft. Und manche glaubten, in Jesus sei der ersehnte Retter und König der Welt nun auch endlich erschienen. Umso grösser war ihre Enttäuschung, als er gekreuzigt wurde. Diese schreckliche Art der Todesstrafe vollstreckten die Römer, wenn sie den Verdacht hatten, jemand würde das Volk gegen ihre Herrschaft aufhetzen. Als Jesus gekreuzigt wurde, verloren sogar seine engsten Vertrauten, seine Jünger und seine Freunde, ihr Vertrauen in ihn. Denn die Befreiung war ausgeblieben. Kein Friedensreich war angebrochen.

Erst nachdem er gestorben war, erfuhren sie, dass Gott, den Jesus seinen himmlischen Vater nannte, ihn, den Sohn, nicht verlassen, sondern auferweckt hatte von den Toten. Das erfuhren sie nicht aus der Zeitung oder im Internet, sondern in persönlichen Begegnungen. Die Frauen zuerst, aber denen glaubte niemand. Erst als der Auferstandene auch den Männern, Petrus und Thomas und anderen Jüngern erschienen war, den einen irgendwo unterwegs auf der Strasse, anderen zu Hause, wo er eintrat, obwohl die Türen verschlossen waren, da glaubten und bekannten sie: Er lebt. Da erst erkannten sie: Er ist tatsächlich der von Gott Gesalbte, der Christus, der Messias. Er befreit und erlöst die ganze Welt. Weil viele Menschen damals zu dieser Überzeugung kamen und dem auferstandenen Christus vertrauten, wurden sie Christen genannt. Das gilt bis heute: Christ oder Christin wird und ist, wer sich auf Jesus Christus verlässt.

Heute sind es nicht mehr die Römer, die die Welt regieren, wie zur Zeit der ersten Christen. Es kamen und kommen andere Herrscher und die waren und sind auch nicht besser als damals die Römer. Es gab und gibt weiterhin Kriege und Gewalt und Hunger und Not. Darum warten und beten wir als Christen, dass Christus wiederkomme und der Welt Frieden bringe. Aber wir glauben auch und vertrauen darauf, dass Gott immer, also auch schon jetzt bei uns ist, gegenwärtig in der Welt und nahe bei den Menschen.