B

B WIE BIBEL
B WIE BILEAM
B WIE BUCHSTABE
B IST EIN BUCHSTABE MIT ZWEI LÖCHERN.
BILEAM BLEIBT DARIN STECKEN.
ER HAT EINEN BALKEN IM AUGE.

B wie Bileam

Bileam ist ein merkwürdiger Name. So heisst heute niemand mehr. Bileam war eben auch ein merkwürdiger Mann. Er war ein Prophet. Propheten waren Menschen, die im Namen Gottes gesprochen haben. Man nennt sie auch Seher. Denn sie haben oft Dinge gesehen, gehört und gesagt, die andere Leute weder sehen konnten noch hören wollten. Prophet ist kein Beruf wie jeder andere. Die meisten Propheten haben sich diesen Beruf nicht ausgesucht. Es war umgekehrt: Gott hat sich Menschen als Propheten ausgesucht und ihnen den Auftrag gegeben, in seinem Namen zu sprechen. In seinem Namen zu segnen oder zu verfluchen. Segen und Fluch sind ja nicht nur Worte, sondern fast so etwas wie Zaubersprüche, die wirksam sind und einen Menschen oder eine Situation verwandeln können, zum Guten oder zum Bösen. Ein mit solchem Auftrag und solcher Vollmacht begabter Prophet war Bileam. Von ihm handelt folgende Geschichte:

Als die Israeliten aus Ägypten ausgezogen und auf ihrem Weg durch die Wüste nach Kanaan unterwegs waren, mussten sie ein fremdes Land durchqueren, das Land Moab. Das gefiel aber Balak, dem König von Moab, überhaupt nicht. Er hatte Angst vor dem Volk der Israeliten. Darum schickte er seine Diener zum Propheten Bileam und liess ihm sagen: «Sieh, es kommen Leute daher, die haben schon unsere Nachbarn bekriegt. Jetzt stehen sie bereits an unseren Grenzen und wollen mit Kind und Kegel und Schafen und Rindern durch unser Gebiet hindurchziehen. Das Vieh wird unsere Weiden kahl fressen und die Leute werden unsere Vorräte plündern. Du sollst herkommen und sie im Namen Gottes verwünschen und verfluchen, damit ich sie vertreiben kann. Denn ich weiss: Wen du segnest, der ist gesegnet und wen du verfluchst, der ist verflucht.»

Natürlich hat König Balak dem Propheten Bileam einen grossen Lohn versprochen. Den hätte Bileam auch sehr gern genommen. Aber Gott sagte zu Bileam: «Ich lass dich nicht gehen. Du kannst das Volk Israel, das ich gesegnet habe, nicht verfluchen.» Und so mussten die Gesandten von König Balak unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Doch Balak liess nicht so schnell locker. Er sandte zum zweiten Mal Boten zu Bileam. Diesmal waren es vornehme Leute, Fürsten seines Landes, die Bileam, den Propheten einladen sollten. Beim zweiten Mal konnte Bileam nicht widerstehen, die Bitte des Königs und sein grosszügiges Angebot anzunehmen. Gott liess ihn gehen, aber er warnte ihn: «Du wirst nur tun, was ich dir sage!» Bileam sattelte seine Eselin, setzte sich auf ihren Rücken und machte sich auf den Weg.

Sie näherten sich bereits dem Land Moab, als die Eselin auf einmal stehenblieb und bockte. Keinen Schritt wollte sie mehr weitergehen. Bileam nahm einen Stecken und schlug sie. Da machte die Eselin einen Satz und galoppierte über Stock und Stein davon. Bileam wäre fast heruntergefallen und schlug sie wieder, um sie auf den Weg zurückzubringen. Doch das ging nicht lange gut, denn als sie an eine sehr enge Stelle kamen, wo der Weg zum Hohlweg wurde und zwischen Weinbergen, Hecken und Rebhäuschen hindurchführte, drückte sich die Eselin so sehr gegen eine Mauer, dass sie Bileam den Fuss einklemmte. Der schrie vor Schmerz auf und fluchte laut und das arme Tier ging in die Knie. Da verlor der Prophet endgültig die Geduld und fuhr fort, erbarmungslos auf seine Eselin einzuschlagen, bis diese endlich das Maul auftat und zu reden anfing.

Merkwürdig, nicht wahr? Ja, Gott hat der Eselin das Maul aufgemacht, weil Bileam seine Augen einfach nicht aufmachen wollte. Sonst hätte er nämlich nicht übersehen, dass da ein Engel stand und der Eselin den Weg versperrte. Die Eselin sagte zu ihm: «Warum hast du mich geschlagen? Was habe ich dir getan?» Bileam antwortete: «Das weisst du ganz genau, du Esel! Hätte ich ein Schwert in der Hand und nicht nur diesen blöden Stecken, würde ich dich töten.» Da sagte die Eselin: «Habe ich dich nicht immer geduldig getragen? Habe ich mich dir je widersetzt?» Und Bileam sagte: «Nein, aber warum auf einmal gerade heute?» Jetzt erst sah er die Gestalt, die vor der Eselin stand: Ein Engel mit einem Schwert in der Hand. Sofort stieg Bileam vom Rücken der Eselin und verneigte sich ganz tief. Der Engel sagte zu ihm: «Drei Mal hast du das arme Tier geschlagen, du Esel! Ich habe mich deiner Eselin entgegengestellt, weil du auf dem verkehrten Weg bist. Sie hat mich gesehen und ist ausgewichen, so gut sie konnte, trotz deiner Schläge. Wäre sie weitergegangen, hätte ich dich getötet.» Bileam erschrak so sehr, dass er ganz vergass, seiner Eselin zu danken, dass sie ihn vor dem Tod bewahrt hatte. Er sagte zum Engel: «Ich habe dich nicht erkannt. Aber wenn du es mir befiehlst, dann kehre ich jetzt um.» Der Engel sagte zu ihm: «Geh ruhig zu König Balak, aber pass dort gut auf und tu genau, was ich dir sage.» Mit diesen Worten verschwand der Engel und Bileam konnte seinen Weg fortsetzen. Seine Eselin trug ihn geduldig auf ihrem Rücken, wie sie das schon immer getan hatte, bis an den Hof von König Balak, der den Propheten mit allen Ehren in seinem Palast empfing.

Am nächsten Tag führte König Balak Bileam auf einen Berg. Von dort oben herab konnte man das Volk der Israeliten sehen, das an der Grenze seines Königreichs am Fusse des Bergs seine Zelte aufgeschlagen hatte. Von dort oben herab sollte Bileam es verfluchen. Er wusste auch genau, was auf dem Spiel stand: Wenn er nicht tat, was der König verlangte, würde er den versprochenen Lohn verlieren. Aber wenn er nicht tat, was Gott von ihm verlangte, dann würde er sein Leben verlieren. Der Engel mit dem Schwert würde ihn töten.

König Balak und Bileam brachten Gott auf dem Berg ein Opfer dar und dann, als der Prophet seine Verwünschungen ausstossen sollte, gerieten ihm alle seine Flüche zu Segensworten für die Israeliten und zur Ankündigung einer grossen Niederlage für König Balak im Kampf gegen dieses von ihm so gefürchtete und verwünschte Volk. Natürlich musste Bileam schnellstens die Flucht ergreifen, denn König Balak war ganz und gar nicht zufrieden mit ihm. Aber auch die Israeliten misstrauten so einem Propheten, der bereit war, für Geld einem fremden König zu helfen. Was später aus ihm geworden ist, steht nicht mehr in der Bibel.

Und was mit seiner Eselin weiter geschehen ist, steht leider auch nicht mehr in der Bibel. Aber dass man den Tieren keine Schmerzen zufügen soll, das steht in der Bibel. Ein ganz grosser jüdischer Gelehrter, Maimonides (1135–1204), beruft sich in Bezug auf Tierquälerei auf die Geschichte von Bileam, der kein Seher, sondern ein Esel war, und von seiner Eselin, die gesehen hat, was dieser nicht sehen wollte. Gott kann offensichtlich auch durch Tiere zu uns sprechen. Und manchmal sind Tiere ihm treuere Diener, als es Menschen sind. Hat nicht auch ein Esel Maria und Josef nach Betlehem getragen und das neugeborene Jesuskind auf der Flucht vor König Herodes bis nach Ägypten? Und trug nicht das Füllen einer Eselin den Messias, als er am Palmsonntag in Jerusalem einzog?

Nachzulesen ist die Bileamgeschichte im Vierten Buch Mose, Kapitel 22–24. Die Weihnachtsgeschichten, der Weg von Maria und Josef nach Betlehem und die Flucht nach Ägypten, kommen in der Bibel ohne Esel aus, aber die Künstler aller Jahrhunderte haben immer einen Esel neben die Krippe gestellt. Wie hätte die junge Familie
denn die beschwerliche Reise ohne Reit- und Lasttier überstehen sollen? In der Palmsonntagsgeschichte jedoch kommt der Esel wieder vor, das Füllen einer Eselin, in allen vier Evangelien: Matthäus 21, Markus 11, Lukas 19 und Johannes 12.

B wie Bibel

Die Bibel ist ein Buch voller merkwürdiger Geschichten. Eigentlich ist es eine ganze Sammlung von Büchern. Man nennt sie auch die Heilige Schrift: weil darin geschrieben steht, wie Gott mit Menschen und wie Menschen von und mit Gott geredet haben, wer Gott und was sein Wille sei. Aus der Bibel vernehmen wir als Christen oder als Juden das Wort Gottes.

Die Bibel ist ein sehr altes Buch. Sie ist in Sprachen geschrieben, die die meisten Leute nicht mehr lesen und verstehen können: Die Bücher des Alten Testaments in der Sprache der Juden, auf Hebräisch, die Schriften des Neuen Testaments in der Sprache der ersten Christen, auf Griechisch, oder das ganze Buch in der Sprache der alten Kirche, auf Lateinisch. Zum Glück ist sie vor 500 Jahren auf Deutsch übersetzt worden, in Deutschland von Martin Luther und in der Schweiz von Ulrich Zwingli und ein paar Gelehrten aus Zürich. Schwierig zu lesen bleibt sie aber trotzdem. Wer sie aufschlägt, stösst darin auf Zeugnisse von Menschen, die vor 2000 oder vor 3000 Jahren gelebt haben, und hört ihre Geschichten. Vieles ist uns ganz und gar fremd. Manches aber auch sehr vertraut, weil die grossen Fragen des Lebens zu allen Zeiten dieselben sind.

Auf den ersten Seiten steht, wie alles angefangen hat mit der Welt und mit den Menschen: die Schöpfungsgeschichte. In der Ursprache beginnt die Bibel mit dem Buchstaben B, also mit dem zweiten und nicht mit dem ersten Buchstaben des Alphabets. Denn der erste Buchstabe ist reserviert für den, der vor Beginn der Welt schon da war, für den, der sie überhaupt erst geschaffen hat. Auf Arabisch heisst er Allah. Auch auf Hebräisch fängt das Wort Gott mit einem Alef an, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets. Weil Gott zuerst war, bevor überhaupt etwas war. So verraten schon die Buchstaben im Alphabet etwas vom Geheimnis des Glaubens.